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Von Wenzel Storch bis Victor Sjöström : Fans kommen auf ihre Kosten

Jan Gympel

Wer ist Wenzel Storch? Nach unserer Einschätzung Deutschlands bester Nachwuchsregisseur, zumal er sich seinen Obsessionen konsequent aussschließlich auf eine Art hingibt, die auch den Zuschauern Spaß macht. Zu diesen Vorlieben zählt ein Faible für die (frühen) siebziger Jahre, derer er sich mit Sommer der Liebe schon Anfang der Neunziger annahm, bevor die Ästhetik jenes Jahrzehnts ohnehin eine kleine Renaissance erlebte.

Mit geringsten Mitteln und größtem Einfallsreichtum erzählte der beträchtlich katholizismusgeschädigte "No-Budget-Filmer" - er stammt aus einem Kaff bei Hildesheim - darin die Story eines alternden Hippies, der ein Kloster zur Rock-Kommune ummodelt, an eine kahle Frau gerät, die seit zweitausend Jahren auf ihn wartet und der sich schließlich als der legendäre Conny Kramer outet. An diesem Handlungsfaden, der - dank Storchs Virtuosität in Sachen Dramaturgie und Inszenierung - niemals aus den Augen verloren wird, sind zahllose ebenso absurde Nebenhandlungen aufgereiht: Da sind Igel auf Jeeptour ins Heartbreak Hotel, die Nasenhaare Willy Brandts, geile Tagesschausprecher, die miniberockte Anhalterinnen zu kunterbunten "Popwürsten" verarbeiten (in Göttingen liefen dagegen "Frauen und Lesben" Sturm), und - nicht zu vergessen - um Drogen, Sinnsuche und freie Liebe. Zum Finale eines nicht enden wollenden Sommers zeigt die Brotfabrik den Film, der Hommage und Parodie zugleich ist, bis Mittwoch.

Nicht Freunde "toffer Muster" und klobiger Formen, dafür aber Berlin-Nostalgiker und Fans der Eisen- und sonstiger Bahnen erfreut die Brotfabrik, Prenzlauer Promenade 3 in Weißensee, in ihrer Sonntagsmatinee: Gleisdreieck ist ein 1937 von R. A. Stemmle inszenierter Krimi, der auf dem gleichnamigen Berliner Hochbahnhof seinen Ausgangspunkt hat und neben Milieustudien aus dem Kleinbürgertum beziehungsweise dem gehobenem Proletariat historische Stadt- und U-Bahn-Bilder bietet.

Weniger reißerisch, dafür aber noch weitaus düsterer geht es in Der Fuhrmann des Todes zu: In dem mittlerweile knapp achtzig Jahre alten Klassiker des schon lange vor Ingmar Bergman schwerblütigen und -mütigen skandinavischen Kinos sucht der Titelheld in der Silvesternacht nach einem sterbenden Sünder, der seine schwere Aufgabe im darauf folgenden Jahr übernehmen soll. Der Film von Victor Sjöström, der nach einer Vorlage von Selma Lagerlöf auch das Drehbuch schrieb und selbst die Hauptrolle übernahm, wurde wegen seiner romantisch-mystischen Stimmung gelobt - besonders gerühmt aber wurde er wegen des sinnfälligen Einsatzes des Mittels der Doppelbelichtung. Morgen und am Sonntag läuft er im Filmmuseum Potsdam, wie es sich gehört stummfilmgerecht begleitet auf der spektakulären Kinoorgel.

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