Berlin : Von West-Lametta und 6-Kilo-Gänsen

Die Familie schimpft, singt und feiert. Und plötzlich steht ein Scheich in der Tür. Von Jochen Schmidt

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Konrad und Kevin – ein Wessi, ein Ossi – sind befreundet und pleite. Ihr Plan, der armen Hauptstadt mit einer Berlin-Maut (sie nennen sie Baut) zu Geld und sich selbst zu Ruhm zu verhelfen, ging nicht auf. Denn ein anderer war schon auf die Idee gekommen. Doch das ist unwichtig geworden, denn beide haben sich frisch verliebt: Konrad in eine Kaffeehaus-Serviererin, die ihn und sein müffelndes Weihnachtsmannkostüm, das er kurz zuvor für seinen Nebenjob im KaDeWe getragen hat, ignoriert. Und Kevin in eine hübsche Araberin, die er bei einer Sightseeing-Tour kennenlernte. Deren Vater, ein Ölscheich, hat die Freunde nach Ar Rayyan in Katar eingeladen, das kein Geld, dafür aber Kultur und Ideen benötige. Doch der Jet des Scheichs wird wieder zur Landung in Berlin gezwungen und schließlich entdecken die beiden Freunde, dass die Gespräche sämtlicher Berliner Weihnachtsmänner abgehört werden …

Was? Du wolltest mich verlassen?“ Lisa war außer sich, als sie erfuhr, womit Kevin den Tag verbracht hatte.

„Das ging doch nicht gegen dich. So eine Chance kriegt man eben nur einmal im Leben. Außerdem bin ich ja zurückgekommen.“

„Weil zwei Abfangjäger dein Flugzeug runtergeholt haben?“

„Die haben doch nur ausgedrückt, was ich gefühlt habe.“ Kevin war sich der Überzeugungskraft dieses Arguments nicht ganz sicher.

„Und wenn die nicht gekommen wären?“

„Hast du mal ein Taschentuch? Das nervt mich so am Winter, dass man sich ständig die Nase putzen muss.“

„Lenk nicht vom Thema ab!“

„Jedes Mal, wenn man von draußen ins Warme kommt. Man weiß nicht, soll man erst die Jacke ausziehen, aufs Klo gehen oder die Nase putzen. Vielleicht sollte ich wieder auf Stofftaschentücher umsteigen, aber das ist irgendwie eklig.“

„Ich hab gefragt, wo du jetzt wärst, wenn keine Abfangjäger gekommen wären!?“

„Aber Lisa, das ist doch jetzt rein hypothetisch. Lass doch die alten Geschichten ruh’n. Was gewesen ist, das ist gewesen.“

„Stell dir mal vor, ich hätte zu Weihnachten alleine dagesessen! Man verlässt niemanden zu Weihnachten!“

„Aber du bist doch sowieso immer deprimiert zu Weihnachten, da hättest du zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.“

„Aber ich habe im Biomarkt eine 6-Kilo-Gans bestellt, soll die etwa umsonst gestorben sein?“

„Aber ich bin doch Vegetarier.“

„Das ist typisch für dich, du hast für alles eine Ausrede!“

„Hast du denn den Baum schon aufgestellt?“

Lisa hatte tatsächlich einen Weihnachtsbaum gekauft. Sie war ja jetzt 30 und musste nicht mehr so tun, als sei sie anders als ihre Eltern.

„Den Baum schon aufgestellt? Wie denn, wenn der Herr mit dem Flugzeug unterwegs ist, statt den Baumständer zu besorgen, wie es seit Wochen abgesprochen war.“

„Wir haben keinen Baumständer?“

„Nein, und weißt du auch, was das für dich bedeutet?“

Als Konrad und Wendy am Abend eintrafen, konnte Kevin sie nicht an der Tür begrüßen, weil er im Wohnzimmer bleiben und den Weihnachtsbaum festhalten musste. Konrad und Wendy hatten sich am Nachmittag auch gestritten, sogar über dasselbe Thema. Konrad war Wessi, Wendy Ossi, Kevin Ossi, Lisa Wessi. „Wir sind ein Chiasmus des Begehrens“, pflegte Konrad zu sagen, der stolz auf sein Latinum war und den Tagesspiegel schon wegen des Spruches im Signet kaufte.

„Stell dir mal vor, Kevin wollte mich verlassen!“, sagte Lisa zu Wendy.

„Aber ein Abfangjäger hat ihn zurückgeholt?“

„Woher weißt du das?“

„Wahrscheinlich, weil ich mit der BVG unter einer Decke stecke und deine Gedanken abhören kann. Hat er dir das nicht auch erzählt? Deshalb habe ich dir auch einen Weihnachtsbaumständer mitgebracht.“

„Ich hatte eine 6-Kilo-Gans gekauft!“

„Und was soll ich sagen? Ich habe eine 10-Kilo-Tochter!“ Damit meinte sie die dreijährige Maria, ihr Kind, die schon ins Wohnzimmer gelaufen war und den Weihnachtsbaum bewunderte. Kevin bewunderte eher den neuen Weihnachtsbaumständer, der sich im Kreis drehte, „Ihr Kinderlein kommet“ spielte, und ihn von seinem Job erlösen würde.

„Rat mal, was die Baumkerzenständer gekostet haben?“ sagte Lisa.

„3 Euro?“

„Nein.“

„10 Euro?“

„50 Euro! Das Stück! Bei Manufactum.“

„Krass, bei uns im Osten haben die nur ein paar Mark gekostet“, sagte Wendy, „und die waren doch auch handgemacht. Bei uns war doch alles handgemacht.“

„Das war, weil bei euch alles vom Staat subventioniert war.“

„Du meinst, der Staat hat unsere Weihnachtsbaumkerzenständer subventioniert?“

„Kein Wunder, dass ihr bankrott gegangen seid.“

„Ja, und wenn ihr uns nicht so viele Pakete geschickt hättet, wäre das noch viel früher passiert.“

„Dann sind wir schuld, dass es so lange gedauert hat mit der Vereinigung?“

„Wir haben uns einfach immer so über eure West-Pakete gefreut, das hat dann ein Jahr vorgehalten. Ich hab die schon Wochen vorher immer wieder durchgezählt. Dabei war meistens nur langweiliges Zeug drin: für die Eltern Tempo-Taschentücher, Orangeade, Kaffeebohnen, stark entölter Kakao, und für uns eure abgetragenen Schlüpfer. Aber man hat sich trotzdem gefreut, Hauptsache nicht aus dem Osten. Einmal haben die Zöllner ein Gesellschaftsspiel konfisziert, weil es ,Deutschland‘ hieß, dafür haben sie ,1984‘ dringelassen, weil sie dachten, das Buch sei ein Kalender.“

„Ich wusste gar nicht, dass ihr im Osten auch Weihnachten gefeiert habt. Ich dachte, ihr seid da demonstrieren gegangen, für den Frieden.“

„Wir hatten immer eine Packung West-Lametta, das war irgendwie schwerer und silberner als das aus dem Osten, viel weihnachtlicher. Das haben wir hinterher wieder eingesammelt fürs nächste Jahr. Wir haben ja auch die Weststrohhalme ausgespült und wiederverwendet.“

Sie hatten sich so verplaudert, dass sie nicht darauf geachtet hatten, dass Maria sich auf den neuen Weihnachtsbaumständer gesetzt hatte. Eigentlich sollte sie ja noch nicht an den Topf gewöhnt werden, weil die Wessis den Ossis immer vorwarfen, sie seien demokratieunfähig, weil sie in der Kinderkrippe zu früh von den Windeln entwöhnt worden seien. Aber Maria wollte gar nicht mehr runter von ihrem neuen Topf, auf dem sie sich langsam im Kreis drehte und ihr Geschäft machte, während man „Ihr Kinderlein kommet ...“ hörte. Kevin musste also weiter den Baum halten, wenn er nicht riskieren wollte, das Kind zu verärgern.

Es klingelte, Lisa öffnete, und ein Mann mit weißem Umhang stand vor der Tür. „Seit wann trägt denn der Weihnachtsmann Weiß? Oder macht das jetzt eine private Firma?“

„Das ist nicht der Weihnachtsmann, das ist der Scheich von Ar Rayyan“, sagten Konrad und Kevin, die sich wunderten, woher er die Adresse hatte.

Es stellte sich heraus, dass die sechs Töchter des Scheichs ihn den ganzen Flug über bekniet hatten, nach Berlin zurückzukehren. Die Stadt hatte ihnen so gut gefallen, dass sie ihn baten, sie ihnen zu kaufen. Jetzt suchte der Scheich jemanden, dem er sie abkaufen konnte, und er kannte ja nur Konrad und Kevin.

„Großartige Idee“, sagte Konrad, „dann können wir die Stadt gleich offiziell in ,Katarrh‘ umbenennen, das passt auch viel besser.“

„Was soll es denn kosten?“, fragte der Scheich.

„Einen symbolischen Euro. Das Personal muss allerdings übernommen werden.“

„Keine Sorge, ihr könnt einfach weitermachen wie bisher. Wir übernehmen die Betriebskosten und zahlen jedem ein kleines Gehalt. Wir würden euch allerdings zu Weihnachten immer besuchen kommen.“

„Feiern die überhaupt Weihnachten im Islam?“, flüsterte Kevin Konrad zu, „Die dürfen doch keinen Alkohol trinken ...“

„Ich ruf mal den Bürgermeister an, dann regeln wir das gleich“, sagte Lisa.

Wenig später klingelte es, und Klaus Wowereit stand vor der Tür. Er war sehr froh gewesen über den Anruf, weil er sich allein gefühlt hatte im Rathaus, alle seine Mitarbeiter waren bei ihren Familien, und er war noch geblieben, um ein paar Rechnungen zu bezahlen. Als er erfuhr, dass Berlin jetzt „Katarrh“ hieß und schuldenfrei war, fiel ihm ein Stein vom Herzen. „Das ist das schönste Weihnachtsgeschenk, das ich je bekommen habe“, sagte er.

Plötzlich hörten sie im Wohnzimmer ein Kind schreien. Dort hielt Kevin Maria an den Füßen mit dem Kopf nach unten. Maria, die noch nach der Devise „Kann ich es essen, oder muss ich davor wegrennen“ lebte, hatte sich eine der braunen Tonfiguren von der Weihnachtskrippe in die Nase gesteckt. Die Aufregung war groß, aber der Scheich reagierte geistesgegenwärtig und holte Maria das Jesuskind mit einer kleinen Zange aus der Nase: „Ich habe sechs Töchter“, sagte er, „mit dem, was ich denen schon aus den Nasen geholt habe, könnte ich ein Souvenirgeschäft aufmachen.“ „Zangengeburt mit unbefleckter Empfängnis. Vielleicht war das bei Maria und Josef ja in Wirklichkeit auch so gelaufen ...“, sagte Kevin. „Auf den Schrecken geb ich einen aus“, sagte Wowereit, und mit der Limousine des Scheichs, in die ja alle reinpassten, fuhren sie ins Schwuz, wo der Scheich einen Beduinenwitz nach dem anderen erzählte und seine sechs Töchter Bekanntschaft mit einer Gruppe netter, kurzhaariger Mädchen aus Köln schlossen, die mit ihnen tanzten, denn mit Männern zu tanzen, war ihnen von ihrem Vater verboten worden.

Epilog

Der Weihnachtsmann klingelte bei Lisa, aber niemand öffnete. „Auch keiner da ... Ich weiß nicht, ich fühle mich immer überflüssiger. Die Menschen haben doch schon alles. Es ist doch sinnlos, alles per Hand zu transportieren, wo es doch inzwischen UPS gibt. Und Äpfel, Nüsse, Mandelkern, damit komme ich nicht mehr so richtig an die Herzen der Kinder ran. Ich meine, wer will denn Äpfel geschenkt kriegen?“ Traurig stapfte er weiter, seine Stiefel waren viel zu warm für das Wetter. Im Mauerpark stieß er auf den Kinderbauernhof. Er schüttete den Inhalt seines Sacks in die Futterspendenkiste. Ein paar alte West-Schlüpfer, die er seit der Wende mit sich rumtrug, weil sie niemand mehr haben wollte, warf er in die Kleidertonne.

Eine sprechende Gans sprach ihn an, was für eine sprechende Gans ja eigentlich nichts Ungewöhnliches war: „Na, auch keinen Bock auf Weihnachten?“

„Nein, früher war alles besser. Vielleicht sollte man das mit den Geschenken outsourcen, das rechnet sich nicht mehr für mich, wenn ich das selber mache.“

„Ich muss sagen, ich bin auch jedes Mal froh, wenn’s vorbei ist. Weihnachten macht mich irgendwie nervös.“

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