Berlin : Vor 100 Jahren wurde das Areal eröffnet

Harald Olkus

Der Viktoria-Luise-Platz hat sich seit seiner Übergabe am 9. Juni 1900 nur wenig verändert: Damals wie heute plätschert in der Mitte der Springbrunnen, sechs Wege laufen darauf zu. Am westlichen Ende stehen die Kolonnaden, und zwischen den Wegen ist Rasen gesät, der nicht betreten werden darf. Auch dieses Verbot gilt heute noch. Bei seiner Einweihung stand der vom königlichen Garteninspektor Fritz Enke gestaltete Platz allerdings allein auf weiter Flur: Eine Postkarte zeigt, dass die Häuser noch fehlten.

Der Viktoria-Luise-Platz entstand wie der Potsdamer Platz am Reißbrett. Er war geplant als Zentrum eines neuen Viertels für das gehobene Bürgertum - des Bayerischen Viertels. Die Fassaden waren üppig mit Stuck verziert, die Dächer erhielten Pickelhauben. Für den heutigen Gartenbaudirektor Klaus von Krosigk ist das Areal neben Pariser Platz und Gendarmenmarkt der schönste Stadtplatz Berlins. So sieht das auch Susanne Twardawa, die Besitzerin des nahegelegenen Motzbuch-Ladens, die zum Jubiläum die Geschichte des Platzes und seiner Bewohner ein Buch herausgegeben hat.

Prinzessin Viktoria Luise war sechs Jahre alt, als man den Platz nach ihr benannte. Als Jugendliche wohnte die spätere Mutter des Welfenprinzen Ernst August einige Monate im Jahr in einem der Häuser am Platz. "Im Sommer wohnt der Adel in Charlottenburg, im Winter in Schöneberg", zitiert die Autorin ein Berliner Sprichwort. Im "Ilse-Middendorf-Institut für erfahrbaren Atem" sind noch Reste eines Ballsaales der Prinzessin erhalten.

Auch Billy Wilder wohnte am Platz. Eine Gedenktafel erinnert daran. Er verdankte seine "Bude" dem Verkauf seines ersten Filmexposés: Die Tochter seiner Wirtsleute hatte Herrenbesuch, als überraschend ihr Verlobter erschien. Der Liebhaber versteckte sich schnell in Billy Wilders Zimmer und stellte sich mit "Gestatten, Galitzenstein vom Maxim-Film" vor. Wilder nutzte die prekäre Situation und nötigte ihm seinen Drehbuchentwurf auf. Galitzenstein gab ihm 500 Mark, ließ aber das Exposé liegen, als die Luft wieder rein war.

Das Haus Viktoria-Luise-Platz 1 ist, wie einige andere, den Bomben des Zweiten Weltkriegs zum Opfer gefallen. Seine Fassade, mit der Commerz- und Diskonto-Bank im Erdgeschoss, hat aber in einer Zeichnung überdauert: Sie diente Walter Trier, dem Illustrator von Erich Kästners "Emil und die Detektive", als Vorlage für die Geschichte des Bankräubers, der beim Überfall auf eine Schöneberger Bank erwischt wird.

Die Nordseite des Platzes dominiert das Haus des Lette-Vereins. Ab 1902 wurde hier "unverheirateten Frauenzimmern der mittleren und höheren Bevölkerungsschichten" die Möglichkeit eröffnet, selbst ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Der Lette-Verein entwickelte sich von der Hauswirtschaftsschule über eine "Typographische" und "Photographische Lehranstalt" zu einer Bildungsstätte für Lehrerinnen. Heute ist es eine Berufsfachschule für Fotografie, Grafik- und Modedesign.

Der hundertste Jahrestag des Viktoria-Luise-Platzes wird entsprechend gewürdigt: So hat das Gartendenkmalamt neue Informationsschilder aufgestellt, die gestern im Beisein von Vertretern der Bezirkspolitik übergeben wurden. Für die Anwohner gibt es am morgigen Freitag ein Straßenfest, und der Lette-Verein öffnet für einen Tag seine Türen. Nach anfänglicher Zurückhaltung steuert auch das Bezirksamt Schöneberg einen Teil bei: Am Abend spielt auf seine Kosten eine Klezmer-Band auf dem Platz.Susanne Twardawa: "100 Jahre Viktoria-Luise-Platz in Berlin-Schöneberg", Schelzky & Jeep, etwa 30 Mark, Landesdenkmalamt Berlin: "20 Jahre Gartendenkmalpflege in der Metropole Berlin", Anke Kuhbier: "Grün-Historische Gärten und Parks der Stadt".

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