Berlin : Vor 90 Jahren wurde das traditionsreiche Unternehmen gegründet

Katja Füchsel

Die Fotoalben im Büro beweisen es. In die Musikalienhandlung Riedel hat es schon die ganz Großen der Branche gezogen: den Sänger Dietrich Fischer-Dieskau beispielweise, die Dirigenten Vladimir Ashkenazy und Daniel Barenboim, den Violinenvirtuosen Sir Yehudi Menuhin... Starallüren hat der Chef bei den wenigsten seiner prominenten Kunden feststellen können. "Je größer sie waren, desto einfacher waren sie im Umgang", sagt Hans-Wolfgang Riedel. Nur der Fischer-Dieskau habe zuweilen Extrawünsche geäußert und sich beim Studieren der Noten am liebsten ins private Büro des Familienbetriebs zurückgezogen. "Sonst hätte er im Geschäft die ganze Zeit Autogramme geben müssen."

Heute feiert die Musikalienhandlung "Hans Riedel" an der Uhlandstraße ihr 90-jähriges Bestehen. Inzwischen hat in dem Traditionsbetrieb mit Hans-Wolfgang Riedel die dritte Generation die Hand am Ruder, und auch sein 21-jähriger Sohn Felix absolvierte bereits eine Lehre zum Musikalienhändler. Liegt die Liebe zu den Noten in den Genen der Familie oder half der sanfte Druck bei den Berufswünschen des Nachwuchses immer etwas nach? Keine Spur, sagt der Chef. "Meine zwei Söhne haben die freie Wahl."

Als ihr Urgroßvater Hans am 10. Februar 1910 das Unternehmen gründete, kamen die Stammkunden vor allem aus dem gutbürgerlichen Milieu. Die ärmeren Musikliebhaber nahmen zu dieser Zeit notgedrungen andere Wege. "Damals war es billiger, eine Partitur abschreiben zu lassen als eine gedruckte zu kaufen", sagt Riedel. Doch mit den Jahrzehnten änderte sich an der Uhlandstraße auch das Publikum. Heute, sagt der Chef, reiche die Spanne vom Kind mit der ersten Bockflöte über den Studenten bis zum Generalmusikdirektor.

Inzwischen haben die Riedels fast eine Million Noten-Titel auf Lager, vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. Um die fünf Millionen Mark setzt der Familienbetrieb um mit Musikbüchern, Schallplatten, CDs, Blockflöten und Gitarren. Doch das Publikum ist nicht nur gemischter, sondern auch kleiner geworden in den vergangenen Jahren. Das Ausbleiben der Kunden kostete viele Kollegen Riedels die Existenz. Vor etwa 15 Jahren, sagt er, kam auf rund 50 000 Einwohner noch ein Musikaliengeschäft. "Da sind wir heute ganz weit entfernt von." Es sei eben mittlerweile stark aus der Mode gekommen, zu Hause im privaten Kreise zu musizieren. Angesichts des schmaleren Geldbeutels bevorzugt mancher Kunde nun die Bücherei oder den Fotokopierer.

Gründer Hans Riedel betrieb das Geschäft in den ersten Jahren allein mit seiner Frau Grete. Inzwischen arbeiten in dem Familienunternehmen rund 30 Angestellte. Und steht einmal wieder beispielsweise die Auswertung der Inventur an, trifft man auch zuweilen den 84-jährigen Seniorchef Horst Riedel im Geschäft an. "Ich greife gerne auf seine Erfahrung zurück", sagt der 49-jährige Sohn. Beispielsweise, wenn nach Schlagern aus den 30er Jahren gefragt werde. "Das kann ein junger Mensch ja gar nicht mehr wissen."

Seit Januar 1990 gibt es "Riedel" auch im Ostteil der Stadt: im nördlichen Flügel des Konzerthauses am Gendarmenmarkt. Die Eröffnung habe man damals zwar als einen Sprung ins kalte Wasser empfunden, aber: "Es war ein richtiger Schritt", sagt Riedel junior, der seit einiger Zeit zu den Duz-Freunden von Vladimir Ashkenazy zählt. "Sag doch Vava zu mir!", soll der Dirigent den Musikalienhändler aufgefordert haben. "Alle Freunde nennen mich so!"

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