Berlin : Vor dem Sonnenuntergang flogen - beinahe - die Krokotäschchen

Sandra Luzina

Heimleuchten: Berlins Kulturpolitiker wurden abgewatschtSandra Luzina

Erbsensuppe und Spiele: Das Deutsche Theater lud zum Tag des Theaters. Im Entrée stieß man auf den gemalten Sinnspruch: "Ältestes bewahrt mit Treue, Freundlich aufgefaßtes Neue". Eine Losung für Berlins Kulturkrise? Einige Anhängerinnen des Intendanten Langhoff erweckten gar den Anschein, als würden sie aus Solidarität jedem Politiker ihr Krokotäschchen um die Ohren hauen. Unübersehbar war der Beitrag der Bühnenmaler: die Foyer-Dekoration, der Sonnenuntergang unter Palmen, konnte mit jeder Fototapete konkurrieren. Stefan Otteni und Martin Baucks, die Leiter der Kammer, gaben Auskunft über ihr Dilemma. Die "schwelende Unzufriedenheit", die zum Umbau der Kammerspiele geführt hatte, ist nun dem Unbehagen gewichen. Der Umbau geschah ja nur auf Widerruf - kein Nagel wurde angebracht, um die Substanz nicht zu beschädigen. Man möchte an den Geist von Max Reinhardt "anknüpfen", andererseits sieht man sich mit dem Geschmack von Joseph Goebbels konfrontiert, der ja 1937 eine Renovierung des Hauses befahl. Wie das Profil des Hauses zu schärfen sei, scheint den neuen Kammer-Herren selbst nicht klar zu sein. Der DT-Förderverein lud in Gestalt seines Vorstandsvorsitzenden Heinz Dürr zur Diskussion: "Theater ohne öffentlichen Dienst?" Über Überkapazitäten und Rechtsformänderungen wurde kaum diskutiert - die Debatte war überschattet von der kulturpolitischen Krise SPD-Fraktionschef Wowereit wurde stellvertretend für den Theaterunterausschuss abgewatscht. Minister Naumanns Vertreter Knut Nevermannließ sich zu dem Statement hinreißen: "Das sind keine Kollateralschäden, das sind Treffer". Das war der Höhepunkt vor dem Einleuchten der Abendvorstellung: öffentliches Heimleuchten.

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