Vor dem Umzug ins Humboldt-Forum : Ein letzter Blick in die Dahlemer Schatzkammer

Die außereuropäischen Sammlungen schließen am Sonntagabend endgültig, bevor es 2019 im Humboldt-Forum weitergeht. Ein Abschiedsbesuch und Veranstaltungstipps.

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mz

Im Ethnologischen Museum in Dahlem gibt es viel zu entdecken.
Im Ethnologischen Museum in Dahlem gibt es viel zu entdecken.Foto: picture-alliance/ ZB

Jetzt widmet sich Toralf Gabsch mit Bedacht der buddhistischen Schönheit. Ein feines Lächeln liegt auf ihrem Gesicht, es scheint aus der Tiefe zu kommen. Der Chefrestaurator des Museums für Asiatische Kunst in Dahlem betreibt zuallererst ein wenig Maniküre. Bepinselt die gefalteten Hände der göttlichen Figur aus gebranntem Ton mit einem Zellulose-Leim, damit die rötlichen, mehr als 1200 Jahre alten Temperafarben auf ihrer Haut wieder besser haften.

Gabsch macht das erleuchtete Wesen fit für den Umzug ins neue Humboldt-Forum im wiederaufgebauten Stadtschloss. Die etwa kniehohe, sogenannte Devata-Figur von der nördlichen Seidenstraße in China soll dort als Ausstellungsstück am künftigen Dialog der Weltkulturen im Herzen Berlins mitwirken.

Zur Zeit arbeitet der 56-jährige Restaurator noch mit drei Kollegen in seiner Werkstatt im Parterre des Gebäudekarrees der Museen Dahlem, ein paar Schritte vom U-Bahnhof Dahlem-Dorf entfernt. Aber die Tage der beiden Museen für außereuropäische Kunst und Kulturen an diesem traditionsreichen Standort der Stiftung Preußischer Kulturbesitz sind gezählt: Das Museum für Asiatische Kunst und das Ethnologische Museum schließen endgültig am 8. Januar. Doch wer Gabsch besucht, spürt kaum Wehmut. Der Mann hat viel zu tun. Die Teams beider Museen managen derzeit den Umzug von gut 20.000 teils weltweit einzigartigen Kulturgütern nach Mitte.

Im Humboldt-Forum werden die Restauratoren rund um Chef Toralf Gabsch ab 2019 endlich bessere Arbeitsbedingungen haben.
Im Humboldt-Forum werden die Restauratoren rund um Chef Toralf Gabsch ab 2019 endlich bessere Arbeitsbedingungen haben.Foto: Thilo Rückeis

Drei Jahre haben sie Zeit, 2019 soll das Humboldt-Forum eröffnen. Nur das Museum Europäischer Kulturen kann man dann in Dahlem weiterhin besuchen. Außerdem verbleiben dort die riesigen nicht-öffentlichen Sammlungsmagazine mit Hunderttausenden Objekten. Mehr als 90 Prozent davon wurden noch niemals in einer Ausstellung gezeigt.

Wenn Toralf Gabsch vom großen Einpacken in Dahlem spricht und von seinen Zukunftsprojekten in Mitte, gerät er in Begeisterung. „Das ist ein Quantensprung für uns“, sagt er. Im Humboldt-Forum erhalten die bislang beengt arbeitenden Restauratoren „endlich“ hohe Werkstatt-Ateliers mit besten Lichtverhältnissen. Aber, „noch wichtiger“: Sein Museum kann dort „zehnmal so viele Objekte“ zeigen wie im Südwesten Berlins. Für den 56-jährigen Restaurator ist der Abschied von Dahlem ohnehin eher eine Rückkehr in die City als ein Umzug. Denn Berlins erstes „Königliches Museum für Völkerkunde“ stand bis zum Abriss 1961 auf dem heutigen Parkplatz des Martin-Gropius-Baus an der Stresemannstraße in der Stadtmitte.

Dass die außereuropäischen Kulturschätze künftig im Humboldt-Forum mit den Kunst- und Kultursammlungen des Abendlandes und Südeuropas auf der Museumsinsel in enger Nachbarschaft präsentiert werden, hält Gabsch für eine „faszinierende Idee“. Man betrachte nur die Feldzüge Alexander des Großen, alleine dadurch gebe es vielfältige Bezüge zwischen Objekten von der Seidenstraße und der Antikensammlung. Auch zwischen Buddhismus und Christentum sieht Gabsch zahlreiche Parallelen. „Der Buddhismus ist eine der friedfertigsten Religionen“, sagt er. Und freut sich, dass die Gottheiten der viertgrößten Religion der Erde nun in vielerlei Gestalt von Dahlem nach Mitte ziehen. Das sei ein starkes Zeichen in den Tagen der Globalisierung.

Seit Jahren kommen immer weniger Besucher

Der Restaurator ist ein großer, kräftiger Mann. Seit 1996 arbeitet er in Dahlem. Als er damals aus dem Fenster seiner Werkstatt blickte, stauten sich zeitweise Busse mit Besuchern vor den drei Museen, stürmten Schulklassen die Säle, wurden rauschende Museumsfeste - und Eröffnungen gefeiert. Die museale Hochzeit Dahlems aus West-Berliner Tagen wirkte noch nach. Zur Zeit des Kalten Krieges waren die Museen ein gutbürgerliches Bildungsziel. Generationen von Kindern kletterten auf den Südsee-Booten herum. Doch seither ist es Jahr um Jahr ruhiger geworden, das Schaufenster der Weltkulturen in Dahlem verlor an Attraktivität.

Die Südsee-Boote waren Besuchermagneten. Sie stehen schon zum Abtransport im Depot.
Die Südsee-Boote waren Besuchermagneten. Sie stehen schon zum Abtransport im Depot.Foto: Thilo Rückeis

Blick ins Entree an der Lansstraße Ende 2016. Es wirkt wie das Foyer einer Multifunktionshalle in den 70er Jahren. Auch die netten Servicekräfte im Café können das Image kaum aufpolieren. In den Ausstellungssälen aller drei Museen wandeln die Aufseher gelangweilt hin und her zwischen Schmuck, Kultobjekten und Skulpturen, die mit starren Augen in die Ferne schauen. Stille. Nur ab und zu kommen ein paar Besucher vorbei. Meist ältere Stammgäste aus der näheren Umgebung, die hier ihre Lieblingsobjekte besuchen.

Ein Jammer beispielsweise für die fast drei Meter hohen steinernen Stelen des geheimnisvollen Cozumalhuapa-Volkes in Guatemala aus der Zeit zwischen 500 und 900 nach Christus. Sie hätten mehr Publikum verdient. Eingemeißelt sind teils schaurig-bizarre Opferszenen. Ein Priester hält den Kopf eines Enthaupteten in der Hand, Himmelswesen reißen ihre Rachen auf. Die Stelen stehen in einem Saal des Ethnologischen Museums neben spannenden Zeugnissen der Majas, Azteken und anderer mittelamerikanischer Indianervölker. Aber wie sie hier vorgestellt werden, mit eher kurzen Erläuterungen zur Chronologie und Herkunft, das wirkt seltsam aus der Zeit gefallen, nach Maßstäben heutiger Museumsdidaktik und -pädagogik.

Im Humboldt-Forum sollen die Objekte ganz anders gezeigt werden

Die Direktorin des Ethnologischen Museums, Viola König (64), nippt im Café des Foyers am Espresso, dann analysiert sie erst mal all die Schwierigkeiten, die ihren Schwung seit Beginn ihrer Amtszeit 2001 ausbremsten. „Die Dahlemer Museen waren Gewinner der Teilung Berlins, weil sich das Interesse im Westen auf sie fokussierte. Aber sie sind Verlierer der Wende“, sagt König. Dahlem geriet ins Abseits, der Sog zur Mitte wurde immer stärker. Schon seit 2001 nahm das Projekt Humboldt-Forum in vielerlei Plänen langsam Gestalt an, wenn auch von Moratorien mehrfach gestoppt. Dringende Investitionen in den sanierungsbedürftigen Dahlemer Museumskomplex seien ausgeblieben, es habe zu wenig Geld für Marketing gegeben, für moderne Sammlungspräsentationen.

Anfang 2016 begann dann peu à peu die Auflösung der zwei verbliebenen außereuropäischen Museen. Zuallererst wurden im Januar Publikumsmagnete wie die Ausstellungen zur Südsee und zu den Indianern Nordamerikas verpackt, das drückte die Besucherzahlen weiter. Mitte der Neunziger kamen jährlich noch rund 250.000 Gäste in beide Museen, dieses Jahr waren es kaum mehr als 120.000.

Im Humboldt-Forum sollen Berlins Weltkunstschätze nun ganz anders gezeigt werden. Man will Fragen stellen. Beispielsweise zur Kommunikation früher Kulturen. Oder zur Sammlungsgeschichte: Wer hat die Tausenden Objekte leidenschaftlich zusammengetragen? Was trieb die Forscher an? Vielleicht der Wunsch, antike Gesellschaften wie die Inkas als Ideal zu verklären? Oder folgten die Sammler kolonialen Ideen? Das führt zur Frage nach den Ursachen und Folgen der von Europa diktierten Weltordnung des 18. und 19. Jahrhunderts. Direktorin Viola König will flexibler sein, auch Themen wie Klimawandel und Migration einbeziehen. Sie will Ausstellungen häufiger wechseln, „um Dinge zu zeigen, die noch niemals gezeigt wurden“. Will Objekte „tiefer erklären“ mit einem Potpourri verschiedener Medien. „Wir bringen sie aus verschiedenen Perspektiven zum Erzählen, eingebettet in den Alltag oder den Kult der Menschen“, sagt sie. Auch goldene Gefäße und Schmuck aus Gold, darunter Mischwesen aus Mensch und Tier der Indianervölker Süd- und Mittelamerikas aus dem Dahlemer Goldschatz, will sie neu inszenieren.

Der Transport ist eine logistische Meisterleistung

Aber zuvor muss der Umzug klappen. Eine riesige logistische Aufgabe. Einen schwierigen Transport haben die Restauratoren des Museums für Asiatische Kunst zu bewältigen. Zwei haushohe, knallbunt ausgemalte buddhistische Prachthöhlen aus dem 5. bis 6. Jahrhundert nach Christus müssen zerlegt nach Mitte gebracht und dort wie ein kompliziertes Puzzle zusammengefügt werden. „Sie gehören zu den Wundern, die wir haben“, sagt Chefrestaurator Toralf Gabsch. Auf seinem Tisch stehen Kartonmodelle der Höhlen neben Aufrisszeichnungen der Trägersysteme für Hunderte Einzelteile.

Die „Höhle der 16 Schwertträger“ und die „Höhle der ringtragenden Tauben“ wurden um 1900 vom Berliner Archäologen Albert Grünwedel am Rande der Taklamakan-Wüste in Kizil im damaligen Ost-Turkestan entdeckt, aus dem Fels geschnitten und auf abenteuerlichen Wegen in die Reichshauptstadt gebracht. In Dahlem waren die Malereien der „Taubenhöhle“ noch wie Kunstwerke in einer Galerie zu sehen. Im Kubus-Süd des Humboldt-Forums wird man schon beim ersten Schritt in die rekonstruierte Höhle ihren Zauber erleben. Und im Kuppelsaal gibt es 2019 eine Premiere. Die Höhle der 16 Schwertträger soll dort erstmals öffentlich gezeigt werden.

Aber wie geht es nun in Dahlem weiter? Als der Berliner Kunsthistoriker Wilhelm von Bode 1911 den ersten Museumsbau in Dahlem nach Plänen des Architekten Bruno Paul durchsetzte, hatte er bereits die Vision eines „lebendigen Wissenschaftsstandortes“ mit Sammlungen, die teils ausgestellt, aber auch von Forschern in den Magazinen genutzt werden. Als die Museen Dahlem 1970 bis 1973 mit einem weiteren Gebäude komplettiert wurden, bewahrte man diese Idee. Wie vital sie bis heute ist, erlebt man hinter einer grauen Stahltür im Seitenflügel des Ethnologischen Museums. „Studiensammlung süd- und mittelamerikanische Archäologie“ steht auf einem Schild.

Kustodin Manuela Fischer zeigt Figuren des Maisca-Volkes in Kolumbien.
Kustodin Manuela Fischer zeigt Figuren des Maisca-Volkes in Kolumbien.Foto: Thilo Rückeis

Drinnen schmale Magazingänge zwischen Glasvitrinen. Gleich links schaut die Statue des Regengottes der Zapoteken, ein altes Volk aus Mexiko, mit merkwürdig aufgerissenen Glubschaugen durch die Scheiben. Mitten in diesem Labyrinth der vorspanischen Menschheitsgeschichte Lateinamerikas zieht sich die Kustodin Manuela Fischer (59) gerade weiße Handschuhe an und holt behutsam die Nummer „IVCa2“ aus einem Schrank. Eine Maisgöttin der Azteken. Alexander von Humboldt hat sie von seinen Forschungsreisen mitgebracht. Manuela Fischer kam 1989 als Volontärin nach Dahlem, heute ist sie eine der beiden Herrinnen über 120 000 Sammlungs-Objekte, von denen nur jeweils wenige ausgestellt werden. Sie betreut einen regen Expertenservice: Wissenschaftler aus aller Welt besuchen ihr Reich zu Studienzwecken.

Das soll an der Lansstraße so bleiben. Und lässt sich sogar verbessern. Die beengten Sammlungsmagazine könnten in den bald leergeräumten Museumssälen mehr Platz finden. Manuela Fischer jedenfalls ist froh, dass sie als Kustodin auch künftig vor allem in Dahlem ihre wissenschaftliche Arbeit fortsetzen kann.

Die BVG hat sich dagegen von der Dahlemer Museumsära schon verabschiedet. Am 11. Dezember wurde der bisherige Busstop „Museen Dahlem“ umbenannt. Er heißt nun „Edwin-Redslob-Straße“.

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