Berlin : Vor den Neuwahlen: Belebende Phantasien

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Arnulf Baring gehört zu den markanten Köpfen in Berlin. Er bürstet gern gegen den Strich. Der promovierte Jurist und emeritierte Professor für Zeitgeschichte hat sich oft als freier Bürger in die Politik eingemischt. So mischt er sich auch in den Wahlkampf ein. Axel Hahn (FDP) hat ihn für seine am Dienstag gegründete Wählerinitiative "Berlin bleibt frei" geworben. Das heißt, ganz so FDP-nah fühlt sich der konservative Baring gar nicht. Sein Anliegen ist eine "bürgerliche Koalition". Gibt es diese Chance? Nach Barings Urteil ja. Er sieht überhaupt noch keinen gefestigten Trend für den Wahlausgang: "Da kann es doch Überraschungen geben."

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Berlin vor der Wahl Deshalb will er "die Phantasie der Bevölkerung beleben", dass es andere Möglichkeiten gibt als eine rot-grüne, rot-rote, rot-rot-grüne oder rot-grün-gelbe Koalition. Einer bürgerlichen Koalition traut er eher zu, die Probleme der Stadt wie die Haushaltskrise in den Griff zu kriegen, "obwohl Berlin aus eigener Kraft weder personell noch programmatisch auf die Beine kommt".

Wenn er sich die Spitzenkandidaten so beguckt, sieht er keinen richtig selbstbewussten Hoffnungsträger. Aber spontan gesagt, steht ihm der emotionale Frank Steffel (CDU) gefühlsmäßig am nächsten. Dem traut er am ehesten "innere Aufgeschlossenheit" zu: "Kann sein, dass er sich besser darstellt als Klaus Wowereit." Emotionen hält Baring für gut und richtig: "Die ganze Republik leidet ja unter emotionaler Störung. Auch damit hat der Reformstau zu tun." Mobilisierende Politiker wünscht er sich, die etwas bewirken, weil sie mitreißen können.

Für Barings Geschmack strahlt Günter Rexrodt (FDP) "zu wenig Energie aus, er hat etwas Bräsig-Präsidiales". Gregor Gysi (PDS) habe "mit einem einzigen faulen Apfel einen florierenden Obstladen eröffnet, aber ich bezweifle, dass er seinen Unterhaltungswert bis zur Wahl im Oktober durchhält". Der sei auch kein Landes- und Kommunalpolitiker. Die PDS ist für Baring sowieso indiskutabel: "Die SED-Untaten wirken nach."

Damit ist er an dem Punkt, an dem er sich über die SPD sehr ärgert, weil sie das PDS-Problem "leichtfertig, teils bauernschlau, teils naiv nicht erörtert hat". Mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) kann er nichts anfangen: "Da springt kein Funke über, der ist himmelweit von einem Hoffnungsträger entfernt."

Spontan, emotional und frei hat sich Baring oft in die Politik eingemischt. Aus der SPD, der er seit 1952 angehörte, wurde er 1983 ausgeschlossen, weil er damals im Bundestagswahlkampf für Hans-Dietrich Genscher warb. "Ich hatte Sorge, dass sonst Franz-Josef Strauss an die Stelle Genschers rücken und die Entspannungspolitik gefährdet würde". Baring hatte ein Standardwerk über die sozial-liberale Koalition von Willy Brandt und Walter Scheel geschrieben, über den Aufbruch der Ostpolitik - auf Einladung des Bundespräsidenten Scheel in der Villa Hammerschmidt in Bonn.

Als Ende 1983 in der Berliner CDU der Kampf um die Nachfolge des Regierenden Bürgermeisters Richard von Weizsäcker tobte, warb Baring vehement nach dem Motto: "Vater geht, Mutter bleibt!" für Hanna-Renate Laurien. "Sie hatte Ausstrahlung, Diepgen erschien mir durchschnittlich und langweilig, blässlich." Doch die CDU entschied sich für Diepgen. Wieder mischte Arnulf Baring mit, als es 1995 um die Fusion von Berlin und Brandenburg ging. Er war strikt dagegen, "denn die Hochzeit von zwei Armen ergibt keinen Reichen". Heute sieht er die Fusionsfrage positiv. Wer Stellung bezieht, kann sich eben auch irren.

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