Berlin : Vor den Neuwahlen: Donnermeyer denkt

Brigitte Grunert

Um den Wahltermin wird noch gerangelt, aber selbst die Bundesprominenz aller Parteien hat sich längst in den Kampf um Berlin gestürzt. SPD-Chef Gerhard Schröder und sein Generalsekretär Franz Müntefering lesen Klaus Wowereit und Peter Strieder zurzeit jeden Wunsch von den Lippen ab. Ruckzuck haben sie ihnen ihren fähigsten Mann ausgeliehen. Bundesparteisprecher Michael Donnermeyer fungiert als Wahlkampfleiter.

Zum Thema Online Spezial: Machtwechsel in Berlin Donnermeyer ist das ideale Scharnier. Er kennt die Bundespolitik aus der Innenansicht und hat dezenten Berliner SPD-Stallgeruch. Seit 1990 lebt der gelernte Journalist aus Westfalen in Berlin. Er kam als Pressesprecher der Berliner SPD, wurde 1993 Fraktionssprecher im Landtag Brandenburg und stieg 1997 zum Bundesparteisprecher auf. Er kennt die Berliner Genossen mitsamt ihren Querelen; bis 1999 war er Parteitagsdelegierter. Schwamm drüber, seit es keine Große Koalition mehr gibt, sind sie ein Herz und eine Seele. Auf der Wahlkampfbühne ist es wie im Theater: Keine Kunst ohne handwerkliches Können, schwungvolle Leichtigkeit ist schwer. Der 41-jährige Donnermeyer hat freie Hand, in engster Absprache mit Strieder und Wowereit natürlich. Er gilt als pfiffiger Kopf mit analytischem Verstand und als in Kampagnen erfahrenes Organisationstalent. Münteferings Mann sitzt fürs erste in der SPD-Landeszentrale wieder am selben Schreibtisch, den er 1993 verlassen hat - und denkt. Schnell muss er denken: "Die Zeit drängt, und wir haben gar keine." Er muss seinen Wahlkampfstab zusammenbauen, die Finanz- und Organisationsplanung hinkriegen, überlegen, wie man Botschaften in die Bildersprache der Plakate übersetzt, Werbeagenturen aussuchen. Er wird sich mit seinem Wahlkampfstab von der Landeszentrale in Mieträume ausquartieren. Eine richtige "Kampa" soll es sein, wie im Bundestagswahlkampf 1998.

So viel ist klar: Der Wahlkampf wird auf den Regierenden Bürgermeister zugeschnitten. Wowereit soll das Neue verkörpern, die integrierende Kraft. "Zu welchem taktischen Zweck soll die Stadt gespalten werden?", fragt Donnermeyer mit Blick auf die CDU. Zur PDS nur so viel: "Sie hat sich entwickelt, das Abendland ist nicht untergegangen. Sie hat in den Bezirksrathäusern kein Silber geklaut." Im Übrigen: "Alle sind unsere Gegner, wir gehen entspannt und fair mit ihnen um, wir schmeißen nicht mit Lehm."

Am liebsten würde er Frank Steffel (CDU) und Gregor Gysi (PDS) rechts und links liegen lassen. Vielleicht weiß er noch nicht, vielleicht will er nur noch nicht verraten, wie die SPD mit den beiden harten Brocken umgehen soll; der eine ist für sie im Westen gefährlich, der andere im Osten.

Allerdings: "Wenn die Union den Lagerwahlkampf haben will, werden wir hart gegenhalten. Wenn der Dinosaurier Helmut Kohl hier herumpoltert, wird er eine Menge Porzellan zerschlagen." Parteichef Strieder geht schärfer ran. Er fände den Auftritt von "Spendensünder Kohl" gerade in Berlin eine "Verhöhnung der Menschen".

Beim Geld druckst Donnermeyer herum. Das machen alle Parteien - erstens immer, und zweitens passen hohe Kosten nicht zu diesem Finanzdesaster. In den Wahlkampf 1999 investierte der SPD-Landesverband nach eigenen Angaben 2,5 Millionen Mark. Erbärmliche 22,4 Prozent der Wählerstimmen kamen dabei heraus. Diesmal ist das Ziel: weniger Geld, hohe Gewinne. "Wir stehen ja nicht vor dem Nichts", sagt Donnermeyer, "unser Riesenpfund ist die Motivation der Partei, der Schwung ehrenamtlicher Helfer." Reichlich junge Leute hätten sich per E-Mail beworben. Parteisprecherin Anja Sprogies sekundiert: "Alle rufen nach Material, sie wollen endlich auf die Straße." Immerhin wurden bei Straßenaktionen Donnerstag früh 40 000 Wowereit-Werbebriefe verteilt; 50 bis 60 Bundestagsabgeordnete waren dabei, und Wowereit selbst.

Die CDU hat bereits die ersten Plakate, Donnermeyer denkt noch. Eine Idee hat er schon für die immer gleiche Bekräftigung unter jeder Aussage: "... und das ist gut so." Klingt selbstbewusst, aber auch nach dem Wowereitschen Bekenntnis: "Ich bin schwul, und das ist auch gut so." Wollen die Bürger daran dauernd erinnert werden? Oh, dieses: "Und das ist gut so!" habe sich doch "völlig verselbständigt", wissen Donnermeyer und Frau Sprogies, "vor allem unter jungen Leuten".

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