Berlin : Vor den Neuwahlen: Fix werben und gut verkaufen

Barbara Junge

Die CDU hat nicht einmal warten wollen, bis ihr Spitzenkandidat wirklich feststand. Als die Wahlkampfplaner der Union am Sonntag vergangener Woche das Plakat mit dem Konterfei des 35jährigen Unternehmers Frank Steffel zur Besichtigung freigaben, ließen sie zwei andere Motive in der Kiste: eines mit Wolfgang Schäuble und eines mit Eberhard Diepgen. "Die neue Kraft Dr. Frank Steffel" konnte man neben dem Lächeln des frisch gekürten Hoffnungsträgers lesen, ein Slogan, der sicherlich eilig gedacht und gedruckt wurde.

Zum Thema Online Spezial: Berlin vor der Wahl Viel Zeit bleibt eben nicht für den Wahlkampf - ob die Wahl nun am 23. September oder am 21. Oktober diesen Jahres stattfindet. Die Sommerferien liegen dazwischen, die Fristen sind verkürzt. Und keine Partei hat Geld für diesen unerwarteten Wahlkampf eingeplant. Da hilft nur eins: ein konzentrierter, effizienter Medienwahlkampf.

Die PDS wird am Montag ihr erstes Vorwahlkampfplakat vorstellen. Auf einer Pressekonferenz. Die Wähler jedoch werden dieses Plakat höchstens im Internet oder in den Zeitungen finden. Geklebt werden soll es erst gar nicht. Zu teuer, zu viel Aufwand. Man vertraut auf den Multiplikator Medien, auch wenn es um die Verbesserung des Partei-Images geht. Deshalb soll der PDS-Parteitag am 14. Juli auf jeden Fall in anderen Räumlichkeiten stattfinden als die bisherigen", berichtet Fraktionssprecher Günter Kolodziej, "ein bisschen westlicher, ein bisschen moderner und mit mehr Presseplätzen".

In Berlin ist ein Medienwahlkampf leichter als anderswo, findet der eigens von der Bundespartei abgestellte neue Wahlkampfmanager der Berliner SPD, Michael Donnermeyer. "In keiner anderen Stadt in der Bundesrepublik gibt es so viele Medien und so eine Zeitungsdichte". Den ersten gelungenen Coup konnte Donnermeyer schon einstreichen. Am Donnerstag früh war SPD-Spitzenkandidat Klaus Wowereit zusammen mit einer ganzen Gruppe von Bundestagsabgeordneten auf den Straßen Berlins unterwegs. "Und am nächsten Morgen habe ich die Bilder in allen Blättern gesehen", feixt Donnermeyer, "ist doch gut gelaufen".

Am zweiten Juli, einen Tag nach dem CDU-Parteitag, plant die Union ihren Auftritt mit Bundesprominenz. Keine Massenveranstaltung. Auf der Straße wollen Angela Merkel, Edmund Stoiber und Friedrich Merz um Unterstützung für Frank Steffel werben. Die Kameras werden blitzen.

Medienwahlkampf, das heißt Personenwahlkampf. Einige Partei haben bereits Agenturen, die sich um die mediengerechte Aufbereitung der Inhalte wie der Spitzenkandidaten kümmern. Die anderen verhandeln noch. In der Agentur, die den christdemokratischen Wahlkampf managen wird, krempeln bekannte Männer die Ärmel hoch. Denn bei publicis wirbeln Axel Wallrabenstein und Peter Radunski - einst als Pressesprecher und Senator ein Team in der CDU-geführten Wissenschaftsverwaltung. "Wir bereiten einige Überraschungen vor, die man sich von Frank Steffel nicht erwarten würde", verspricht Axel Wallrabenstein.

Das Image, mit dem Frank Steffel an den Wähler gebracht werden soll, ist der moderne Unternehmer. War Eberhard Diepgen noch unter dem Motto "Diepgen rennt" seiner Verjüngung entgegengejoggt, muss der Jungstrar der Berliner Union auf Zukunft getrimmt werden. Als Ziehsohn von Diepgen und dem mit der Bankaffaffäre belasteten Klaus Landowsky braucht Steffel noch ein bisschen mehr an Zukunftsflair, ein bisschen weniger an Westberliner Stallgeruch.

Michael Donnermeyer dagegen will seinem SPD-Kandidaten kein Image verpassen. "Man kreiert kein Image. Der Kandidat hat eines, alles andere glaubt der Wähler nicht", weiß Donnermeyer, der schon am Bild Gerhard Schröders kräftig mitgestrickt hat. Zwar wird sich eine creativ-agentur um das Outfit und die Präsentation von Klaus Wowereit verdient machen dürfen. Doch das Bild des Spitzenkandidaten steht schon fest. Klaus Wowereit "ist sehr freundlich, sehr gelassen, sehr kompetent" - damit wird man erneut Regierender Bürgermeister, meint die Geheimwaffe der Berliner SPD.

Donnermeyer, auf Berliner Terrain heimisch, wird in der Hauptstadt ein eigenes Wahlkampfbüro, eine "Kampa" mit etwa 20 Leuten einrichten - wie schon im Bundestagswahlkampf 1998. Den Ort und den Zeitpunkt der Eröffnung will Donnermeyer nicht verraten. Schließlich ist der Mann Medienprofi. "Wahlkampf ist Handwerk", umschreibt er seinen Stil. Die beste Aktion bringe keine Punkte, wenn niemand davon erfährt. "Also machen wir Aktionen um 18 statt um 20 Uhr, dann berichten die Zeitungen nämlich drüber." Über die Präsenz seines Kandidaten muss sich der Wahlkampfmanager ohnehin keinen Kopf machen. Seit seinem Outing als Schwuler ist Klaus Wowereit ohnehin in alle Talkshows willkommen.

Darin steht ihm aber auch der PDS-Medienliebling Gregor Gysi in nichts nach. Und auch Frank Steffel als Jungstar, der den altgedienten Politiker Wolfgang Schäuble aus dem Rennen um die Spitzenkandidatur geworfen hat, hat enorme Bildschirmpräsenz erreicht. "Wir müssen genau auswählen, zu welchen Talkshows Frank Steffel geht", meint PR-Spezialist Wallrabenstein.

Von derartiger Qual der Wahl kann die Grüne Regina Michalik bislang nur träumen. "Wir haben oft das Problem", verrät Michalik, "dass Grüne nicht eingeladen werden". Und wenn mal ein Grüner oder eine Grüne eingeladen sei und nicht könne, dann darf die Partei keinen Ersatz schicken. "Talkshows stehen auf unserer Agenda, aber wir oft nicht auf den Listen der Talkshowmacher." Die Grünen setzen - auch deshalb - auf ihre speziellen Qualitäten. Zwar verhandeln auch die Grünen mit einer Agentur und planen den Medien-bestimmten Wahlkampf, doch mit einem Happening erregen die Alternativen auch Aufmerksamkeit.

Einen besonderen Spagat unter dem Rubrum "Medienwahlkampf" will die Nachfolgepartei der SED versuchen. Während im Karl-Liebknecht-Haus der Landesvorstand der PDS einen Basiswahlkampf vorbereitet, zelebriert Gregor Gysi vor allem eines in den Medien: Gregor Gysi. "Wir haben ein umgekehrtes Problem als die anderen Parteien", gibt die Landeswahlleiterin Almuth Nehring-Venus zu. Oder wie es aus den Bundespartei heißt: "Das Problem mit Gysi ist nicht, ihn in die Talkshows zu bringen. Das Problem ist, ihm ein paar Inhalte anzuheften."

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