Berlin : Vor der Wahl: Kandidat Diepgen - einsame Spitze

Barbara Junge

Die Versammelten im Sport- und Kongresszentrum Hohenschönhausen dürften sich auf angeregte Diskussionen am heutigen Samstag eingestimmt haben. Am Weißenseer Weg tritt die Landesvertreterversammlung der CDU zusammen, um die Kandidatenliste für die Bundestagswahl zu wählen. Und im Vorfeld der Nominierung hat die Initiative "Berlin braucht Bürger" am Freitag erneut eine Anzeige geschaltet, um eine Wahl Eberhard Diepgens auf Listenplatz 1 doch noch zu verhindern.

Nach dem offenen Brief an Diepgen vom Donnerstag erschien nun ein weitere "an die Delegierten und Ersatzdelegierten zur Landesvertreterversammlung". In diesem fordern zwölf Initiatoren die Christdemokraten auf, Diepgen nicht als Nummer eins zu platzieren. In der Union hat diese Kampagne erregte Debatten ausgelöst. Ein entscheidender Einfluss auf die Nominierung wird ihr jedoch in der Partei nicht eingeräumt, auch wenn Diepgens Mehrheit für Platz eins längst nicht so gesichert ist, wie es nach dem Vorstandsvotum den Anschein hat.

Eberhard Diepgen wird - wie am Montagabend mit knapper Mehrheit im Landesvorstand beschlossen - für Platz eins kandidieren. Ohne Gegenkandidaten. So zumindest der Stand von Freitag. Für Platz zwei bewirbt sich der frühere DDR-Bürgerrechtler Günter Nooke. Noch am Montagnachmittag hatte Nookes Kreisverband Pankow diesen für Platz eins vorgeschlagen. Nach Einschätzungen in der CDU bleibt es aber bei dem ausgehandelten Kompromiss. "Ich glaube, die Landesdelegiertenversammlung bestätigt das Votum", sagte am Freitag der stellvertretende Landesvorsitzende Kai Wegner. Den offenen Streit um Platz eins, der innerparteilich ausgefochten worden war, nannte Wegner aber "wichtig und befreiend". Die Kampagne der zwölf, von denen vier CDU-Mitglieder sind, hingegen bezeichnete Wegner als "parteischädigend". Er werde im Landesvorstand eine Diskussion über Konsequenzen für die vier einfordern.

Auch Mario Czaja, ebenfalls ein junges Mitglied des Landesvorstands, erwartet, dass der Listenvorschlag heute mitgetragen wird. Czaja, der selbst nicht zur festgefügten West-Berliner Parteistruktur zählt, berichtet, dass die Offenen Briefe durchaus Diskussionen ausgelöst haben. Ob dies einen Einfluss auf die Versammlung haben werde, kann er nicht einschätzen. Parteisprecher Matthias Wambach geht davon aus, dass die Kampagne die Stimmungslage beeinflusst. "Allerdings anders als wohl beabsichtigt". In der CDU habe die Initiative Empörung ausgelöst, weniger wegen des Inhalts als wegen der Form. Wambach spricht von einem "Solidarisierungseffekt" mit Diepgen.

Die zwölf Initiatoren selbst werden heute nicht als Gäste zur Versammlung erscheinen. Sie haben mit der rund 25 000 Euro teuren privatfinanzierten Kampagne ihr Zeichen gesetzt. Der Hauptinitiator und Geschäftsführer beim Auktionshaus Villa Grisebach, Bernd Schultz, sagte am Freitag, er könne nicht einschätzen, ob die Briefe auf die 350 Delegierten Einfluss hatten. "Aus der Stadt werden wir aber mit Reaktionen überschüttet". Er und seine Mitstreiter - darunter seine Ehefrau, ein Musikverleger, die Mitgesellschafterin beim Auktionshaus, ein Rechtsanwalt, ein Süßwarenunternehmer, ein Antiquitätenhändler - wollen deshalb auch über heute hinaus "Wächter und Mahner" in der Stadt sein.

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