Vor der Weddinger Lesewoche 2014 : Schön, schräg, Schnauze

Die Weddinger Sprach- und Lesewoche bietet ab Samstag acht Tage lang ein wunderbar schräges Programm - von Lesungen im Multiplex-Kino bis hin zu politischen Vorträgen ist vieles Originelle dabei. Der Veranstalter sagt: "Zu viel Kultur kann es nicht geben."

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Foto: Promo

In welchem Berliner Stadtteil wird eigentlich am meisten gelesen?

Statistische Erhebungen sind zu dieser Frage auf Anhieb schwer zu finden. Vom Gefühl her dürften im Ranking vorne landen: Zehlendorf (viel Geld gleich viel Zeit); Köpenick (viel Wasser gleich viel Muße); Mitte (Lektüre-Hotspot Dussmann).

Alles Quatsch. In welchem Stadtteil wird am meisten gelesen? Natürlich im Wedding. Jedenfalls in der kommenden Woche. Ab Samstag (20.9.) nämlich findet zum dritten Mal die Weddinger Sprach- und Lesewoche statt. Im vorigen Jahr hat der Wedding, so das offizielle Motto, gelesen, was er will. Und das war ganz schön viel. Vielleicht ein bisschen zu viel. Ein knappes Jahr später ist das Programm daher von über 100 Veranstaltungen auf 27 zusammengeschnurrt. Was für acht Tage natürlich immer noch eine Menge ist - schade ist nur, dass von zahlreichen Angeboten, die es 2013 für die "Kleinen" an Schulen und Kitas gab, nur noch eine übrig geblieben ist.

Initiator Daniel Gollasch nennt als inoffizielle Zielsetzung für das diesjährige Lektüre-Festival: „Wir wollen auch den Weddinger Norden pushen.“ Vergisst man ja schnell: dass da oberhalb der Seestraße, auf dem Weg ins schnieke Reinickendorf, ja auch noch ein bisschen was kommt. Das Centre Francais zum Beispiel, in dessen frisch renoviertem 60er-Jahre-Kinosaal am Samstagabend ab acht die Eröffnungsgala stattfindet. Mit dabei zwei Weddinger Originale: Die Lesebühnen-Profis von den Brauseboys und die Akustik-Rocker „Lari und die Pausenmusik“.

"Bei mir liest du schön!"

Auch in den Folgetagen sind zahlreiche wunderbare Ideen im Programm, die teils auch so schräg daherkommen wie der Wedding selbst. So liest Heiko Werning am Montagabend im Cineplex Alhambra, jenem bunten Klotz an der Müller-, Ecke Seestraße, in dem sonst eher der neue Emmerich oder Schweigers fünftes Kokolores-Sequel gezeigt wird. So belebt Holger Haak die wunderbare Weddinger Schnauze Jonny Liesegang wieder, fast ein Jahrhundert später. Gespannt sein darf man auch auf die Doppellesung von Paul Bokowski, Weddings derzeit angesagtestem Autor, und Grünen-Politiker Özcan Mutlu im polnischen Restaurant Pierogarnia (Dienstag, 20.30 Uhr). Und die Macher des „Weddingweiser“-Blogs tragen schon diesen Sonntag im Mastul ihre besten Stücke und die schlimmsten User-Kommentare vor. Troll!

Wer sich fürs geschriebene und vorgelesene Wort interessiert (und selbst wer nicht), sollte also etwas Gutes finden unter den Veranstaltungen. Kulturmüdigkeit nach dem Wedding/Moabit-Festival am vergangenen Wochenende darf keine Ausrede sein, findet auch Gollasch: „Zu viel Kultur kann es eh nicht geben.“

Die Viertel miteinander in Kontakt bringen, den Weddinger und die Weddingerin auch mal vom täglich gleichen Weg abzubringen, das sieht Gollasch als eines der wichtigeren Ziele der Lesewoche. Als seine persönliche Lieblings-Veranstaltung nennt der Veranstalter selbst (nach einigem Zögern) schließlich die Lesung zu den Istanbuler Gezi-Protesten in der Bibliothek am Luisenbad (Freitag, den 26., 19 Uhr). „Die Autoren beschreiben, wie Menschen selbstbewegt auf die Straße gehen für eine bessere Welt, wie sie ihren Kiez verändern.“ So etwas, sagt Gollasch, stünde auch dem Wedding gut zu Gesicht.

Und um gleich noch einen visuellen Kontrapunkt gegen die Gentrifizierung und ihre hübschen Schergen zu setzen, haben sie sich diesmal beim Postermotiv für einen blassen Trash-Typen mit Opa-Pulli, Kassenbrille und Schnurrbart entschieden. Darüber der Lesewochen-Slogan: „Bei mir liest du schön!“ Erklären will Gollasch das Motto nicht. Man muss ja auch nicht immer alles erklären: „Da muss vielleicht am Ende jeder selbst wissen, was er mit dem Satz macht.“ Entscheidungshilfe gibt es vom 20. bis 27. September, überall im Wedding.

Alle Veranstaltungen der Sprach- und Lesewoche hier.

Dieser Artikel erscheint im Wedding-Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegels.

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