Berlin : Vor der Zerreißprobe

Austritte, Machtkämpfe, Streit um den Vorsitzenden – immer wieder gibt es Auseinandersetzungen in der Jüdischen Gemeinde

Marc Neller

Es ist eine Rede, bei der das Publikum sehr genau auf die Zwischentöne achten wird. Der Mann hinter dem Rednerpult weiß das. Er lässt wenig Raum für Interpretationen. Er spricht von Parallelwelt, Spaltung, Herausforderung, dann gleitet er rasch in die Weltpolitik hinüber: Dass Israel sich durch den Iran bedroht fühle. Karikaturenstreit und die Folgen.

Vermutlich tut der Mann am Pult gut daran, an diesem Abend über allgemeine Probleme zu sprechen, zu denen seine Zuhörer ähnlicher Ansicht sind. Gideon Joffe, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Berlin, dürfte die Rede beim Jahresempfang am Montagabend nicht leicht gefallen sein. Die Weltlage allerdings wird nicht ausreichen, um in der Führungsspitze der Jüdischen Gemeinde so etwas wie Gemeinschaftsgefühl zu stiften. Denn die seit langem schwelenden Konflikte haben nach Ansicht von Mitgliedern und Kennern Gräben aufgerissen, die die Gemeinde einer harten Belastungsprobe aussetzen. Prominente Mitglieder sind bereits ausgetreten, zuletzt Julius Schoeps. Nur wenige Stunden vor dem Jahresempfang zog der renommierte Repräsentant die Konsequenzen aus den Querelen. Durch die Austritte verliert die Gemeinde nicht nur Ansehen, sondern auch Einnahmen. Zudem ist nun öffentlich, dass Vorstand und Präsidium seit Wochen heftig darüber streiten, ob der neue Vorsitzende zu Recht ein Gehalt von rund 7000 Euro monatlich bezieht.

Am vergangenen Donnerstag legte Schoeps sein Amt als Vorsitzender des Gemeindeparlaments nieder. Am Montag kündigte er nach eigener Aussage seine Mitgliedschaft. Albert Meyer, Joffes Amtsvorgänger, wertet dies als „katastrophales Signal“. Schoeps habe die Gemeinde „sehr gut repräsentiert“. Meyer unterhält zu Schoeps eine eher kühle Beziehung. Warum er dessen Rückzug dennoch als herben Schlag empfindet, ist leicht erklärbar: Schoeps ist ein anerkannter Historiker, er leitet das „Moses Mendelssohn Zentrum“ für Europäisch-Jüdische Studien an der Universität Potsdam. Zudem steht er als Nachfahre der berühmten Mendelssohn-Familie, einer der ältesten jüdischen Familien in Berlin, für eine lange Tradition. Die Familie ist seit 250 Jahren Teil der jüdischen Gemeinde. „Dass so jemand sich zum Rücktritt gezwungen sieht, wirft ein schlechtes Licht auf die Gemeinde“, sagt Meyer.

Schoeps selbst wehrt Fragen mit knappen Antworten ab. „Das offenkundige Demokratiedefizit im Vorstand hat mir keine andere Wahl gelassen“, sagt er. Die Gemeinde entwickle sich zu einem „Selbstbedienungsladen“. Ein Vorwurf, der gegen den Vorstand und den Vorsitzenden Joffe gerichtet ist. Der sagt, der Rücktritt von Schoeps habe ihn überrascht. Joffe wie auch die Vorstände Arkadi Schneidermann und Peter Sauerbaum geben zu, dass nicht immer klar sei, wer über wichtige Dinge zu entscheiden habe: Vorstand oder Präsidium. Aber den Vorwurf, die Gemeinde sei ein Selbstbedienungsladen, weisen sie zurück „Ganz bestimmt nicht.“

Und doch: Intrigen, Bespitzelungen von Mitgliedern, Ermittlungen der Staatsanwaltschaft – die Vorwürfe gegen Mitglieder der Gemeinde reißen nicht ab, und seit bekannt wurde, dass die Staatsanwälte erst wegen Untreue und dann wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten ermitteln, ist im Gemeindehaus der Teufel los. Dass Albert Meyer als Vorsitzender zurücktrat, ist nur eine der Folgen. Zuletzt traten nach übereinstimmender Auskunft mehrerer Parlamentsmitgliedernamhafte und finanzstarke Mitglieder aus. Der Gemeinde sollen dadurch erhebliche Beitragseinbußen entstehen. Joffe lehnt einen Kommentar mit dem Hinweis auf „Gemeindeinterna“ ab.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland beobachtet mit wachsender Sorge die Entwicklung der einstigen Vorzeigegemeinde. „Der Tiefpunkt einer langen Entwicklung ist erreicht“, heißt es. Hintergrund ist ein seit längerem schwelender interner Konflikt zwischen den Berlinern und Einwanderern, die überwiegend aus der ehemaligen Sowjetunion stammen. Es geht um Macht in der Gemeinde.

Auch der jüngste Fall, den Schoeps als Grund für den Rücktritt anführt, ist vor diesem Hintergrund zu sehen: die Entscheidung über Joffes Bezahlung. Kritiker wie Präsidiumsmitglied Jael Botsch-Fitterling klagen, Vorstand und Präsidium hätten vereinbart, „dass für den Gemeindevorsitz nur kandidiert, wer ehrenamtlich arbeiten würde“. Im Januar jedoch habe der Vorstand in einer Sitzung des Gemeindeparlaments die Entscheidung durchgepeitscht, Joffe doch zu bezahlen. Der unausgesprochene Kern der Kritik: Eine starke Fraktion um das russisch-stämmige Vorstandsmitglied Schneidermann versuche, ihren Einfluss zu festigen.

Schneidermann weist die Anwürfe als „unsinnig und ungerecht“ zurück. Joffe werde bezahlt, „weil er Vollzeit-Arbeit leistet. Aus keinem anderen Grund.“Die Kritik komme von einzelnen Quertreibern. Und Vorstand Peter Sauerbaum sagt: „Die Kritik ist nicht nachvollziehbar. Die Abstimmung war eindeutig , das formale Prozedere einwandfrei.“ Auch wisse er von keiner verbindlichen Absprache, der zu Folge der Vorsitzende ehrenamtlich zu arbeiten habe. Sauerbaum und Schneidermann bestätigen, dass Joffe rund 7000 Euro monatlich bekommt.

Laut Gemeindesatzung kann der Vorstand eine „angemessene laufende Vergütung“ für ein hauptamtlich tätiges Vorstandsmitglied vorschlagen. Nun scheiden sich die Geister an der Frage, was angemessen sei. „Angesichts eines Haushalts mit gut einer halben Million Euro Unterdeckung beantwortet sich die Frage von selbst“, sagt Schoeps. „Ich habe keine Bedenken, dass das Gehalt für Joffe angemessen ist“, sagt Sauerbaum.

Schoeps hat aufgegeben. Meyer hält eine Spaltung der Gemeinde für möglich. „So weit“, sagt Joffe, „wird es sicher nicht kommen.“ Eine gut informierte Person malt ein düsteres Bild: Die aktuelle Führung versage, es gebe aber derzeit keine Gruppe, die die Agonie beenden könne.

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