Berlin : Vor einem Jahr galt das Arbeitsamt Südwest noch als das schlimmste Deutschlands

Sigrid Kneist

Das hört der Direktor gerne. "Das Arbeitsamt wird ja kundenfreundlich", sagt ein Mann zu der Mitarbeiterin im Kundenbüro - froh, der langen Wartezeit entgangen und binnen weniger Minuten an der Reihe zu sein. Und das, ohne eine der berüchtigten Nummern ziehen zu müssen. "Wir bemühen uns", gibt Silke Seiberlich zurück und freut sich über die Resonanz.

Vor einem Jahr hatten Arbeitsamtsdirektor Norbert Grabitz und seine Mitarbeiter wenig Grund zur Freude. Damals machte das Arbeitsamt Südwest Schlagzeilen als das schlechteste Arbeitsamt Deutschland. Zu dieser Bewertung war nämlich die Stiftung Warentest gekommen, die bundesweit verschiedene Ämter unter die Lupe genommen hatte: Bei keinem der sonst untersuchten Ämtern waren die Werte in Bezug auf Leistung und Service so schlecht wie in dem Amt Berlin-Südwest. Zu dessen Einzugsgebiet gehören die Bezirke Zehlendorf, Wilmersdorf und Steglitz mit derzeitigen Arbeitslosenquoten zwischen 9,9 und 13,3 Prozent, Schöneberg mit 18 Prozent, aber auch Kreuzberg mit 28,7 Prozent - der traurige Arbeitslosen-Spitzenreiter in Berlin. Der Hauptsitz des Amtes liegt an der Charlottenstraße in Kreuzberg, dort ist die schwierigste Klientel anzutreffen, sind die Probleme auch heute offensichtlicher als anderswo.

Gleichwohl betrachtet Direktor Grabitz die Situation jetzt gelassener als vor einem Jahr. Einige Zahlen geben ihm Recht: Während es im vergangenen Jahr 23 Arbeitstage dauerte, bis ein Antrag auf Arbeitsamtsleistungen bearbeitet wurde, hat sich dies auf sieben Tage verkürzt. Drei Monate lang mussten die Mitarbeiter Überstunden machen, bis die Rückstände aufgearbeitet waren. Auch strukturelle Veränderungen im Haus wurden angepackt; Mitarbeiter aus anderen Abteilungen wechselten in die Arbeitsvermittlung - in diesem Bereich hatte die Stiftung Warentest ein besonders schlechtes zahlenmäßiges Verhältnis zwischen Arbeitsvermittlern und -suchenden registriert. Projektteams entstanden, um schnellere Stellenbesetzungen ermöglichen zu können. Bei Vermittlungsbörsen scheut man den Kontakt mit den privaten Anbietern nicht mehr. "Uns ist jeder willkommen, der dazu beiträgt, Arbeitslosigkeit abzubauen", sagt Grabitz. Den bei der Gestaltung der aktiven Arbeitsmarktpolitik den einzelnen Ämtern zugestandenen Spielraum nutzt das Arbeitsamt beispielsweise mit dem Bezirksamt Kreuzberg, über das "Sandwich-Lohn"-Modell, also Lohnkostenzuschüsse, Bezieher von Arbeitslosen- und Sozialhilfe in Arbeit zu bringen. Ab Oktober soll es auch längere Öffnungszeiten geben.

Hat erst das Neagtivurteil der Stiftung Warentest dazu geführt, die vorhandenen Kapazitäten effektiver zu nutzen? "Nein!", sagt Grabitz. "Die ungute Situation haben wir selbst gespürt. Die Reformbestrebungen hätten wir auch so gemacht." Die jüngste Neuerung in Sachen Service ist das sogenannte Kundenbüro im Gebäude an der Charlottenstraße. Seit Mitte Juli können Arbeitslose, die nur kurze Anliegen haben, Kurzauskünfte brauchen oder sich aus dem Urlaub zurückmelden wollen, sich hier direkt an einen der drei Schalter stellen - ohne Wartenummer. Normalerweise dauert es jetzt nur noch wenige Minuten, bis sie an der Reihe sind. Vorher mussten auch sie bei der regulären Anmeldestelle vorsprechen. Wartezeiten von eineinhalb Stunden für ein relativ kleines Anliegen waren die Regel und trugen nicht unbedingt zu einem freundlichen Klima bei. Von dem Kundenbüro profitieren bisher allerdings nur diejenigen, deren Familiennamen mit den Buchstaben Po bis Z anfangen, denn noch ist es in der Erprobungsphase.

Und von der Existenz des Services muss man wissen. Über eine Stunde hatte ein junger Mann vor einem anderen Raum gewartet, um dort zu erfahren, dass sein Problem am besten im Kundenbüro betreut wird. Er schimpft über mangelnde Information, die Flugblätter hatte er nicht gesehen. Einige Arbeitsamtsbesucher quittieren die Neuerung durchaus mit positiven Worten, dies sei schon eine entscheidende Verbesserung. Andere hingegen konstatieren nach wie vor, dass die Mitarbeiter überarbeitet, infolgedessen wenig freundlich und hilfsbereit seien. Allerdings wird den Sachbearbeitern auch zugute gehalten, daß viele Arbeitsamtsbesucher von Vornherein aggressiv seien. "Das möchte ich nicht jeden Tag abbekommen müssen", sagt eine Frau, die seit sieben Jahren immer wieder ihre Erfahrungen mit dem Amt hat. Mit südländischer Gelassenheit reagiert ein italienischer Arbeitsloser auf die Atmosphäre im Amt: "Ich muß es akzeptieren. Hauptsache, es funktioniert."

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