Berlin : Vor Ort im Vorort

Brigitte Grunert über die Sprache der Politiker

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Um Berlin herum gibt es viele Vororte. Man liest und hört oft, diese lägen im Süden, Osten, Westen oder Norden Berlins. Das kann nicht sein. Sonst wären sie nämlich keine Vororte, sondern Ortsteile am Berliner Stadtrand. Vororte sind, wie der Begriff besagt, Gemeinden jenseits Berlins im Nachbarland Brandenburg. Folglich liegen sie südlich, östlich, westlich und nördlich von Berlin. VorortBerliner sind Menschen, die in Berlin arbeiten und in Vororten wohnen.

Nun könnte man sagen, der kleine sprachliche Unterschied sei unwichtig. Da jedoch die Sprache der Verständigung dient und die Orientierung erleichtert, ist es keine Marginalie. Warum soll man rätseln müssen, ob ein Vorort oder ein Ortsteil gemeint ist? Schließlich weiß nicht unbedingt jeder, dass zum Beispiel Falkenberg noch im Nordosten Berlins, aber Ahrensfelde schon nordöstlich der Stadt in Brandenburg liegt.

Doch wo bitte ist vor Ort? Offenbar überall und nirgends, folgt man jenen, die ein sprachlich aufgeblasenes Nichts für etwas Besonderes halten. Wir haben es mit einer ebenso modischen wie gedankenlosen Redensart zu tun. Meist ist sie nicht nur überflüssig, sondern auch falsch. In Politiker-Reden wimmelt es von Schulen, Krankenhäusern, von allen möglichen Institutionen vor Ort, immer fröhlich im Plural.

„Der SPD-Vorstand will jetzt mit dem Leitfaden das Engagement der Sozialdemokraten vor Ort stärken“, äußerte Niels Annen, Mitglied des Bundesvorstandes der Partei und Leiter der SPD-Projektgruppe Rechtsradikalismus, im Interview des Tagesspiegels. „Wir stellen uns der Auseinandersetzung vor Ort und in den Parlamenten“, fügte er hinzu. In einem Antrag der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus ist zu lesen: „Maßnahmen der Suchtprävention sind besonders zu berücksichtigen, weil diese im letzten Jahr unverhältnismäßig gekürzt wurden und Einrichtungen vor Ort geschlossen werden mussten.“

Bei solchen Beispielen fragt man sich unwillkürlich, vor welchen Orten, womöglich Vororten, Einrichtungen geschlossen wurden und Auseinandersetzungen stattfinden sollen. Gemeint ist natürlich jeweils: überall. Vor Ort ist jedoch nicht irgendwo, sondern bezieht sich auf eine bestimmte Örtlichkeit. Auf einer genau bezeichneten Straßenkreuzung ist ein Verkehrsunfall passiert; die Polizei war vor Ort (am Ort des Geschehens). Ein bestimmtes Haus hat gebrannt; die Feuerwehr war vor Ort.

Man sieht, wie sparsam die richtigen Begriffe benutzt werden sollten. Doch als seien wir alle orientierungslos, tappen wir vor Ort, in Ortsteilen und Orten aller Himmelsrichtungen herum.

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