Berlin : Vorbeugen ist besser als hinterher leiden

Prävention ist die bessere Medizin, sagt die Gesundheitsministerin und will es belohnen, wenn die Deutschen gesund leben. Was muss man also tun, um Karies, Krebs, Diabetes oder Osteoporose gar nicht erst zu bekommen? Hier kommt, was Experten raten

Adelheid Müller-Lissner

KARIES

„In den letzten 30 Jahren hat es bei Kindern und Jugendlichen eine klare Verbesserung der Mundgesundheit gegeben“, sagt Klaus Roland Jahn, Leiter der Abteilung für Präventivzahnmedizin am Zentrum für Zahnmedizin der Charité. Das verdanke man einerseits der verbesserten Zahnpflege, andererseits den Fluoriden in Zahnpasten, Gels und nicht zuletzt im Speisesalz. Fluortabletten werden dagegen heute nicht mehr empfohlen. „Wir wissen inzwischen, dass es nicht darauf ankommt, Fluoride einzunehmen, sondern sie direkt am Zahn und in der Mundhöhe wirken zu lassen“, erklärt Jahn. Dort sorgen sie für eine Remineralisierung des Zahnschmelzes, dem Abfallprodukte von Bakterien die Mineralien entzogen haben.

Weil die Erreger ihre Energie aus Zuckerverbindungen beziehen, ist auch die Ernährung wichtig: Nicht zu viele klebrige Süßigkeiten, vor allem nicht über den ganzen Tag verteilt, lautet die Devise: besser also die Tafel Schokolade auf einmal statt alle zwei Stunden ein Riegel. Außerdem: nächtlichen Heißhungerattacken nicht nachgeben – oder bei Versagen besser Salami essen als Kekse.

Für Babys und Kleinkinder sind gesüßte Getränke besonders gefährlich. Jahn würde auf die zahngesunde Ernährung gern in Kitas und Schulen noch mehr aufmerksam machen; die Kinder sollten dort eine Art Zahnputzkurs mitmachen. „Heute konzentriert sich das Karies-Problem auf ein Fünftel der Kinder, und die kommen aus sozial benachteiligten Familien“, sagt er. Und: Die Pflege von klein auf ist weit wichtiger als eine „Veranlagung“ zu guten oder schlechten Zähnen. Von der Hoffnung auf präzise Speicheltests zur Karies-Risikoabschätzung sei man inzwischen abgekommen, sagt Jahn. „Sie sind zu ungenau.“

Literatur: „Zähne Vorsorge, Behandlung, Kosten“, Stiftung Warentest 2005, 12,90 Euro.

INFEKTIONSKRANKHEITEN

Seit die Pocken auf diese Art ausgerottet werden konnten, ist klar: Aktive Schutzimpfungen gehören zu den wirksamsten präventiven Maßnahmen, die es überhaupt gibt. Auch die Masern will die WHO bis2010 so ganz von der Erde verschwinden lassen. Im Unterschied zu anderen Arten der Vorbeugung nützen Impfungen aber nicht nur dem Geimpften: Wer sich impfen lässt, trägt seinen Teil dazu bei, die Gemeinschaft vor Epidemien zu schützen.

Kurz gefasst lauten die Empfehlungen so: Bis zum Erwachsenenalter sollte man gegen Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Kinderlähmung, Haemophilus influenzae Typ B, Hepatitis B, Masern, Mumps und Röteln geimpft sein. Alle zehn Jahre sollten Erwachsene ihren Schutz gegen Diphtherie und Tetanus auffrischen lassen. Über 60-Jährigen und besonderen Risikogruppen empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) die Impfung gegen die echte Grippe (Influenza) und gegen die Pneumokokken, die gefährliche Lungenentzündungen hervorrufen können. Gesundheitsforscher sprechen aber von einem „Impfdefizit“ der Deutschen. Studien zufolge werden nur 59 Prozent der STIKO-Empfehlungen tatsächlich beherzigt. Dabei sind die Impfungen für Kinder kostenlos, und im Eckpunkte-Papier der Koalition ist vorgesehen, das auf Erwachsene auszudehnen.

Infos zu den empfohlenen Impfungen unter www.rki.de (‚Infektionsschutz’)

KREBS

Die schlechte Nachricht zuerst: Gegen Krebs gibt es immer noch kein Patentrezept. Das Risiko, einen Tumor zu bekommen, wächst mit dem Alter, denn die bösartigen Veränderungen von Zellen nehmen zu, wenn die Reparaturmechanismen öfter versagen. Dazu kommt eine genetische Komponente. Bei einigen Krebsformen weiß man nun aber besser, wie das Risiko verringert werden kann.

Brust

Inzwischen gibt es immer mehr Hinweise darauf, dass Ernährung, Bewegung und Körpergewicht für das Risiko, einige Formen von Krebs zu entwickeln, eine wichtige Rolle spielen. So hat gerade eine große Studie bestätigt, dass eine der wichtigsten Vorbeuge-Maßnahmen gegen Brustkrebs darin besteht, das gesamte Erwachsenenleben hindurch ein gesundes Gewicht zu halten. Für diese Studie ist das Schicksal von fast 90 000 Frauen über 25 Jahre lang verfolgt worden. Die Forscher schätzen, dass 15 Prozent aller Brustkrebserkrankungen, die nach den Wechseljahren auftreten, auf eine Gewichtszunahme von ab zwei Kilo im jüngeren Erwachsenenalter zurückgehen und dass über vier Prozent der Brustkrebserkrankungen auf eine Gewichtszunahme nach den Wechseljahren zurückzuführen sind. Erklären kann man sich das damit, dass eine große Gruppe von Brusttumoren, die nach den Wechseljahren auftritt, besonders gut unter dem Einfluss des Hormons Östrogen wächst. Das wird nach der Menopause vor allem im Fettgewebe gebildet.

Lunge

Gemeinerweise bekommen auch immer wieder Menschen Lungenkrebs, die nie im Leben eine Zigarette angerührt haben. Doch sie sind ganz klar in der Minderheit. 90 Prozent der Männer und an die 80 Prozent der Frauen, die an einem Bronchialkarzinom erkranken, sind Raucher. Lungenkrebs ist in vielen Fällen immer noch schwer zu behandeln und steht an Platz eins der Krebstodesursachen für Männer. Auch andere Lungenleiden, Gefäßverschlüsse, Infarkte und Schlaganfälle treffen Raucher deutlich häufiger. Die Lebenserwartung starker Raucher ist deshalb um über 20 Jahre geringer als die von Nichtrauchern, laut Krebsinformationsdienst. Was die Prävention betrifft, ist die Botschaft also denkbar klar: Aufhören!

DIABETES TYP 2, ARTERIOSKLEROSE, HERZINFARKT, SCHLAGANFALL

Gleich vier auf einen Schlag: Die Tipps zur wirkungsvollen Prävention dieser häufigen Krankheiten fein säuberlich zu trennen, ist eigentlich unmöglich. Denn sie haben meist eine gemeinsame Wurzel. „Wir wissen heute, dass es Zusammenhänge gibt zwischen der Unempfindlichkeit gegenüber Insulin auf der einen Seite und Veränderungen des Stoffwechsel des Fettgewebes, die mit Entzündungen einhergehen, auf der anderen Seite. Als Folge entsteht nicht nur Diabetes, sondern es werden auch Frühschäden an den Blutgefäßen verursacht, die sich später zu einem Infarkt oder Schlaganfall auswachsen können“, erläutert Christof Schöfl, Stellvertretender Direktor der Abteilung Endokrinologie, Diabetes und Ernährungsmedizin der Charité. Gegen Insulin unempfindlich werden besonders häufig Menschen, die übergewichtig sind. Bei ihnen steigt der Blutzucker, weil das Hormon Insulin, das zu seinem Abbau in Aktion treten muss, in den Zellen nicht mehr ausreichend wirkt. „Diabetiker haben aber auch ein zwei- bis vierfach erhöhtes Risiko, einen Infarkt oder Schlaganfall zu bekommen“, sagt Schöfl. „Vor allem, wenn sie gleichzeitig an erhöhtem Blutdruck und erhöhten Blutfetten leiden.“

Der erste Ratschlag der Mediziner besteht darin, Übergewicht zu vermeiden oder loszuwerden. Von Übergewicht sprechen Mediziner ab einem Body Mass Index (Gewicht in Kilo geteilt durch Größe in Metern im Quadrat) über 25. Vor allem das im Bauchraum konzentrierte Fett erhöht das Risiko, Diabetes vom Typ 2 zu entwickeln. Wer einen BMI von über 35 hat, trägt gegenüber Schlanken ein 40-fach erhöhtes Risiko, eine Zuckerkrankheit zu bekommen.

Neben gesunder Ernährung – zu der nicht nur eine ausgeglichene Kalorien-Bilanz, sondern auch die richtigen, vorwiegend ungesättigten Fette, unlösliche Ballaststoffe aus Weizen und Hafer und täglich Obst und Gemüse gehören – steuert dem vor allem Bewegung entgegen. „Ein aktiver Lebensstil ist neueren Erkenntnissen zufolge genauso wichtig wie das Idealgewicht“, sagt Schöfl. 30 Minuten zügiges Gehen oder eine vergleichbare Aktivität haben sich in Studien als wirksam erwiesen. Das Infarktrisiko vermindert sich außerdem ganz beträchtlich, wenn man das Rauchen aufgibt oder gar nicht erst damit anfängt: Aus der großen Herzstudie MONICA ergab sich, dass 60 Prozent der Herzinfarkte von Männern und 75 Prozent der Infarkte von Frauen ohne das Rauchen nicht aufgetreten wären. Aufhören beugt auch einem zweiten Infarkt vor: Raucher, die nach der infarktbedingten Reha auf die Zigarette verzichteten, hatten in den drei Jahren danach im Vergleich mit ihren Mitpatienten, denen das nicht gelang, nicht einmal halb so oft mit einem weiteren Infarkt zu kämpfen.

OSTEOPOROSE

Die WHO hat die Osteoporose auf die Liste der zehn wichtigsten Krankheiten gesetzt. Schlimm am Knochenschwund ist vor allem, dass er zu Brüchen führt – zum Beispiel nach harmlosen Stürzen, die wegen der brüchigen Knochen gar nicht harmlos in einem Bruch des Oberschenkelhalsknochens enden.

Was tun? „Nur ein mechanisch belasteter Knochen erhält seine Masse“, sagt der Knochenforscher Dieter Felsenberg, Leiter des Zentrums für Knochen- und Muskelforschung der Charité. Bei der Skeletterkrankung Osteoporose schwindet diese Masse. Denn das Gleichgewicht zwischen Auf- und Abbauprozessen ist gestört. Teilweise ist das eine Frage des Alters und der Hormone.

Doch mit körperlichem Training, bei dem die Kräfte der Muskeln auf den Knochen einwirken, kann man dem Abbau vorbeugen. Ausdauersport wie Joggen, Schwimmen oder Radfahren allein reicht dafür nach Ansicht der Experten nicht. Dies wurde in der letzten Woche nochmals in einer Charité-Studie mit Senioren-Leichtathleten der Europameisterschaften in Posen bestätigt. Wichtigstes Ergebnis: Sprinter und Springer haben festere Knochen als Marathonläufer. Auch Walker dürfen sich freuen, denn sie weisen im Durchschnitt ebenfalls einen sehr festen Knochen in den Beinen und an der Hüfte auf. Obwohl die Muskelleistung auch bei den Leistungssportlern mit dem Alter abnimmt, liegt ein 70-jähriger Leistungssportler (Geher oder Sprinter) ungefähr 40 bis 70 Prozent über der Leistung eines nicht Sport treibenden Gleichaltrigen. Osteoporose-Vorbeugung ist also ein gewichtiger Grund, sich im mittleren oder höheren Lebensalter im Fitnessstudio oder im Sportverein anzumelden.

Neben kraftvoller Bewegung braucht der Knochen auch ein wenig Sonne. Denn unter ihrer Mitwirkung wird das Vitamin D im Körper gebildet. Das wiederum ist für die Aufnahme von Kalzium aus dem Darm und seinen Einbau in den Knochen nötig. Und Kalzium, zum Beispiel aus Milchprodukten, leistet einen wesentlichen Beitrag zur Stabilität der Knochen.

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