Berlin : Vorbild New York: Null Toleranz für Sünder

Amerikas Metropole gilt heute als saubere und sichere Stadt. Auch weil Giuliani als Bürgermeister keine Gnade zeigte

Matthias B. Krause[New York]

Der Tompkins Square im New Yorker East Village und der Mariannenplatz in Berlin-Kreuzberg weisen verblüffende Ähnlichkeiten auf. Scheint die Sonne, drücken sich alle um das bisschen Grün in der großen Stadt: die Alternativen mit den bunten Haaren und den durchstochenen Körperteilen, die Normalos und ein paar Touristen finden sich auch. Beide Plätze liegen im Zentrum von Stadtteilen, die Planer einst dem Verfall preisgegeben hatten, und beide gelten als Symbol für Protest und Widerstand. Der Unterschied: Während auf dem Kreuzberger Rasen achtlos weggeworfener Abfall zurückbleibt, wagt am Tompkins Square kaum jemand, seinen Müll einfach fallen zu lassen. Kleine Umweltsünden können teuer werden. Polizisten kassieren dafür zwischen 50 und 250 Dollar – gnadenlos.

Das war einmal anders. Anfang der 90er Jahre war New York eine Stadt der Angst. Die Kriminalitätsrate gehörte zu den höchsten in den USA. Die Polizei drückte bei Bagatell-Delikten oft die Augen zu. Der Tompkins Square war Zentrum der düsteren Alphabet City, beherrscht von Gewalt, Drogen und Hoffungslosigkeit. Auf dem Platz selbst sammelten sich Obdachlose, bisweilen glich er einem großen, zerlumpten Zeltplatz mitten in Manhattan. Dann übernahm Rudolph Giuliani, der cholerische, gnadenlose Republikaner 1994 die Hebel der Macht – und wenig später räumten Bulldozer den Schandfleck im East Village. So ging es weiter. Die Polizei verjagte die Squeegees, jene Heimatlosen, die sich mit dem Waschen von Autoscheiben ein paar Cent Wechselgeld verdienen, karrte die Obdachlosen vor die Stadtgrenze, steckte Schwarzfahrer und öffentliche Pinkler in den Knast. Giulianis ließ ein Computerprogramm beschaffen, mit dem die Kriminalitätsstatistik nach den einzelnen Polizeibezirken ausgewertet wurde. Gewappnet mit diesen Daten, bestellte er die Polizeichefs regelmäßig zum Rapport und setzte sie unter Druck, wenn sie schlechte Arbeit leisteten.

Mit seiner umstrittenen „Zero Tolerance“-Politik ließ der Bürgermeister auch kleinste Delikte verfolgen. Wer bei Bagatellvergehen geschnappt wird, landet zunächst für mindestens eine Nacht im Gefängnis. Giuliani ließ zerschlagene Scheiben schnellstens reparieren, weil sie sonst beschmierte Wände, verlassene Häuser und schließlich den Niedergang eines ganzen Areals geradezu unabwendbar zur Folge haben.

Die Verbrechensraten sanken drastisch, die Beschwerden über Polizeiübergriffe nahmen allerdings zu. Der Trend hält bis heute an, New York gilt derzeit als sicherste Großstadt der USA und eine der sichersten Metropolen der Welt. Vor allem aber fassten die Bewohner wieder Mut, sich selbst um ihren Kiez zu kümmern. Bürgerinitiativen richteten Plätze und Parks her, Wirtschaftsbosse spendeten für Sozialprojekte. Der Tompkins Square verwandelte sich zu einem neuen Mittelpunkt sozialen Lebens im East Village.

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