Berlin : Vorbild Pinocchio – Wie sieht man Politikern an, ob sie lügen?

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KLAUS U. BENNETER, 55, ist Chef des Ausschusses „Wahlbetrug“. Früher war er bereits Vorsitzender des Berliner Untersuchungsgremiums zur Bankenaffäre. Er ist mit dem Kanzler befreundet. Foto: ddp

DIE AKTUELLE FRAGE

Der Richter über Lüge und Wahrheit in Berlin ist seit Dezember 2002 der SPDBundestagsabgeordnete Klaus Uwe Benneter. Als Vorsitzender des Untersuchungsausschusses „Wahlbetrug“, auch „Lügenausschuss“, soll er klären, ob Vertreter der Bundesregierung die Öffentlichkeit vor den Wahlen über den desolaten Zustand der Kassen hinweggetäuscht hatten. Über lange Nasen, kurze Beine und die Wahrheitsliebe der deutschen Politiker sprach mit ihm Christine-Felice Röhrs.

Herr Benneter, wenn Politiker beim Lügen lange Nasen bekämen wie Pinocchio…

Dann bräuchten wir wohl noch mehr Schönheits-Chirurgen.

Ernsthaft. Wie oft lügen Ihre Kollegen?

Ich denke, Politiker lügen nicht mehr als Menschen aus anderen Branchen. Auf jeden Fall weniger als die Vertreter von gewissen Handelsbranchen. Muss ich mich festlegen?

Ja.

Regelmäßig lügen vielleicht zehn Prozent der Politiker. Ab und zu lügen zwanzig.

Und in Ihrem Ausschuss?

Da dürfen sie ja nicht, das ist verboten. Außerdem geht es im Ausschuss auch nicht darum, ob Regierungspolitiker gelogen haben.

Jetzt biegen Sie die Wahrheit aber zurecht.

Nein, es geht darum, ob sie Prognosen falsch gegeben haben, das ist etwas anderes. Vor der Wahl waren die Verhältnisse so durcheinander. Viele professionelle Prognose-Geber haben uns gesagt, dass auch sie sich schwer getan hätten, die kommenden Schritte einzuschätzen.

Gesetzt den Fall, es versuchte jemand, Sie im Ausschuss anzulügen. Wie erkennen Sie das?

Den professionellen Lügnern sieht man gar nichts an, leider. Aber den anständigen Lügnern schon. Am roten Kopf. Oder am Schwitzen. Manche reden plötzlich schneller, andere wollen unbedingt extrem ruhig erscheinen. Das durchschaue ich. Früher als Rechtsanwalt habe ich oft Zeugen verhört und mich auch persönlich weitergebildet, über die psychologische Komponente von Vernehmungen.

Wann hat Sie zuletzt jemand angelogen?

Ich kann mich wirklich nicht erinnern. Nicht einmal mein Sohn, als er noch ein Kind war. Der war immer unverschämt ehrlich – vor allem, wenn er Geld wollte.

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