Berlin : Vorerst letzter Abstieg in die Vergangenheit

In einem Bunker in Barnim wollte die Stasi-Spitze einen Atomkrieg überleben Mit der Wende kam das Aus. Jetzt wird die Anlage noch einmal geöffnet.

von
Nur mit Helm. Paul Bergner hat den Bunker bei Biesenthal erkundet. Foto: Steyer
Nur mit Helm. Paul Bergner hat den Bunker bei Biesenthal erkundet. Foto: Steyer

Biesenthal - Behutsam räumt der Bagger mehrere dicke Betonplatten beiseite. Zum Vorschein kommt ein rund zwei Meter tiefer Schacht mit einer Stahltür an einer Seite. „Auf geht’s“, sagt Paul Bergner, der eine Leiter in den Schacht gestellt hat, die Lampe am Schutzhelm anschaltet und den Weg in den Abgrund öffnet. Im Handumdrehen stehen der als „Brandenburger Bunkerpapst“ bekannte Fachmann und zwei Begleiter in einem Relikt des Kalten Krieges. In einem unterirdischen Labyrinth in der Nähe Biesenthals, 30 Kilometer nördlich Berlins, wollte der Führungsstab des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit wenigstens einige Tage einen Atomkrieg überleben. Den Besucher fröstelt’s, was nicht nur an der Temperatur von 8 Grad Celsius liegt, sondern auch am Zustand der Räume. Schrott- und Elektronikdiebe und Trophäensammler haben große Teile der Ausstattung zerstört. Erst mit dem Verschluss des Eingangsbereichs mit Betonplatten vor zehn Jahren endeten die Einbrüche.

Paul Bergner steigt nicht ohne Grund in den Abgrund. Umsichtig bereitet er eine der ganz seltenen öffentlichen Führungen durch den Bunker vor, der einst zu einer Kette aus fünf Untergrundbauten für die Führungskreise zwischen Biesenthal und Prenden gehörte. Am kommenden Wochenende, an dem sich die Gründung der DDR zum 53. Mal jährt, kann sich jedermann für rund eine Stunde in die Tiefe begeben. Vermutlich ist es das letzte Mal, sagt der Bunkerexperte. „Solch einen Aufwand kann sich die Recyclingfirma, der das Gelände seit einigen Jahren gehört, auf Dauer nicht leisten.“ Vielleicht erledigt sich das Thema aber auch bald von selbst. Denn in vielen Räumen macht sich der Schimmel breit, so dass eine Besichtigung schon heute auf eigene Gefahr erfolgen und wohl irgendwann ganz unterbleiben muss.

Wer sich von den äußeren Umständen nicht abschrecken lässt, erlebt einen bedrückenden Einblick in den Wahnsinn des Wettrüstens bis zum Mauerfall 1989. Mit einem unvorstellbaren Aufwand glaubten die DDR-Machthaber tatsächlich, den Atomschlag überstehen und in der Umgebung der Bunker danach noch weiter existieren zu können. Der Biesenthaler Unterstand war nach sechsjähriger Bauzeit erst im Februar 1988 fertiggestellt worden. Stasi-Chef Mielke wollte hier auf zwei Etagen mit seinen acht Stellvertretern und bis zu 150 Offizieren und Soldaten je nach Verseuchungsgrad der Umgebung rund zehn Tage zubringen und von hier aus Befehle erteilen. Staats- und Parteichef Honecker hätte in einem anderen Bunker am Rande des benachbarten Prenden gesessen. Diese Anlage konnte vor einigen Jahren ebenfalls noch besichtigt werden, ist aber danach mit einem schweren Betonriegel verschlossen worden.

Endlos erscheinen heute die Gänge, an deren Ende sich Schleusenräume zum Abduschen der möglicherweise kontaminierten Kleidung befanden. Noch erhalten sind die mit Raufasertapeten und Teppichen ausgestatteten Arbeitszimmer, der Saal mit den großen verschiebbaren Kartenwänden, die getrennten Schlafräume für weibliche und männliche Bedienstete sowie diverse Reste von Dieselaggregaten, Filteranlagen und Wassertanks für die Kühlung der Maschinen.

Auch die in drei Etagen übereinander angeordneten Schlafpritschen gibt es noch. Hier schlief zum Teil auch die ständige Bunkerbesatzung. Stets hielten 15 Offiziere und Soldaten den Betrieb für den Ernstfall am Laufen. Mielke selbst hatte „seinen“ Bunker aber nie selbst betreten oder getestet. Die Berichte seines Umfeldes genügten ihm offenbar.

Nach der Wende hatte es viele Ideen für den einst durch einen 5000-Kilovolt- Zaun und große Wachmannschaften gesicherten Komplex gegeben. Die reichten von einem Depot für Edelmetalle, einer Geldtransportzentrale, einer Abfüllanlage für Mineralwasser bis hin zum Zentrum für eine Wohnsiedlung im Grünen. Nichts davon passierte und so vermodert der Bunker unter dem märkischen Sand.

Der Bunker kann am 6. und 7. Oktober zwischen 9 und 16 Uhr besichtigt werden. Er liegt an der Straße zwischen Biesenthal und Sophienstädt. Die Einfahrt befindet sich kurz vor der Brücke der Autobahn A 11 und ist von Biesenthal ausgeschildert. Weitere Informationen im Netz unter www.ddr-bunker.de.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

Autor

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben