Berlin : Vorfreude auf das verbotene Abendmahl

Beim Kirchentag in Berlin wollen Katholiken und Protestanten ein Tabu brechen

Jörg-Peter Rau

Auch wenn es offiziell nicht sein darf: Beim ersten ökumenischen Kirchentag vom 28. Mai bis 1. Juni in Berlin werden Katholiken und Protestanten gemeinsam das Abendmahl empfangen. Nicht bei den großen Gottesdiensten, nicht die Bischöfe in plötzlicher Verbundenheit zwischen den Konfessionen – aber an der Basis. Schon jetzt steht fest, dass es mindestens zwei Gottesdienste geben wird, bei denen explizit alle Christen zum Abendmahl willkommen sind. Allerdings müssen diese außerhalb des offiziellen Kirchentag-Programms stattfinden, weil unüberbrückbare Gegensätze im Verständnis des Abendmahls die Konfessionen trennen. Den Initiativen „Kirche von unten“ und „Kirchenvolksbewegung“ wurde darum mitgeteilt, dass es für diese Feiern im Veranstaltungskalender weder Zeit noch Platz gebe.

Obwohl das Thema gemeinsames Abendmahl aus Rücksicht auf die Befindlichkeiten vor allem auf katholischer Seite beim ersten ökumenischen Groß-Treffen von der Tagesordnung gestrichen ist, gehen kritische Gläubige davon aus, dass auch in weiteren Fällen durchaus von der offiziellen Linie abgewichen wird. Denn schon heute sieht die Realität oft anders aus. So betont in einer katholischen Gemeinde in Charlottenburg der Priester vor der Kommunion, alle seien eingeladen. Und weder in dieser Pfarrei noch sonst irgendwo müssen die Gläubigen ihre Taufurkunde vorzeigen, bevor sie zur Kommunion zugelassen werden. Genauso gibt es Katholiken, die in evangelischen Gottesdiensten zum Abendmahl gehen. Dies wird beim Kirchentag kaum anders sein.

Dietmar Lütz, Vorsitzender des ökumenischen Rats Berlin-Brandenburg, glaubt ebenfalls, dass die Gläubigen selbst Tatsachen schaffen werden: „Die Basis ist groß und der Papst ist weit.“ Dass die großen Kirchen aber die Chance verstreichen lassen, am ökumenischen Kirchentag echte Einheit zu beweisen, bedauert er sehr, versteht aber auch die Bedenken von katholischer Seite. Dennoch geht Lütz davon aus, „dass das so geht wie bei der Berliner Mauer“: Über Nacht, auf Druck der Basis, unerwartet.

Dass es bereits beim Kirchentag zu einem Durchbruch auf breiter Front kommt, glauben aber auch die Katholiken der obrigkeitskritischen „Kirchenvolksbewegung“ nicht. Ingrid Fuhrmann, in Berlin für die Initiative aktiv, glaubt aber, dass man durch Mundpropaganda alle erreiche, die an einem gemeinsamen Empfang des Sakraments Interesse haben. Angst vor Sanktionen hat sie dabei nicht: „Es gibt keine Scheiterhaufen mehr.“ Und schließlich heißt es bereits im ersten Korintherbrief: „Der Mensch prüfe aber sich selbst, und so esse er von diesem Brot und trinke aus diesem Kelch.“

Kirchentag im Internet:

www.oekt.de (offizielle Seite)

www.ikvu.de („Kirche von unten“)

www.wir-sind-kirche.de („Kirchenvolksbewegung“)

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