Berlin : Vorfreude vorm Abriss

Der Palast der Republik hat noch eine Zukunft – als Kulturhaus von August bis Oktober

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Ins Jahr 1975 sollen sich die Besucher versetzen. Der Schweizer Regisseur Ruedi Häusermann will mit ihnen durch den Palast der Republik schlendern und „Richtfest“ spielen. Immerhin wirkt das skelettierte Haus wie ein Rohbau. Alle sollen sich vorstellen, das Haus werde 1976 eröffnet, und sich Gedanken über seine Zukunft machen. Häusermann möchte „Vorfreude erzeugen“. Das Projekt „Richtfest“ gehört zum Kulturprogramm, das im Palast am 20. August beginnen und bis Ende Oktober dauern soll.

Der Verein Zwischenpalastnutzung stellte das „Volkspalast“Programm für Konzerte, Lesungen, Konferenzen, Tanz und Theater gestern vor. Der Schirmherr, Kultursenator Thomas Flierl (PDS), sprach vom „kurzen Spätsommer der Utopie“, und es war ihm anzumerken, dass er den Palast gern sehr viel länger in kulturellem Betrieb sähe. Aber dem Haus bleibt höchsten noch ein Dreivierteljahr bis zu seinem Abriss, den der Bundestag beschlossen hat. Das Kulturprogramm ist sozusagen die letze Ehre für ein Bauwerk, das in den letzten Wochen und Monaten zu neuem Leben erwacht ist. Die Veranstalter der Terrakotta-Krieger-Ausstellung sprachen schon von einem „Riesenerfolg“ und bislang 250000 Besuchern, sie verlängerten die Ausstellung um vier Wochen bis zum 25. Juli. Und der Bundesverband der Deutschen Industrie hielt hier vor einer Woche seine Jahrestagung ab, es sprach der Bundeskanzler. Im einstigen Volkskammersaal, in dem die „Zwischennutzer“ nun ihr Programm vorstellten, war noch dicker, blauer Teppichboden ausgelegt. Der BDI hat ihn großzügig hinterlassen – offenbar als letzten Gruß.

Im Foyer und ersten Obergeschoss, in dem jetzt noch die Terrakotta-Soldaten stehen, wird das Programm für den „Volkspalast“ mit einem zweitägigen Eröffnungsfest gestartet. Ein großes Konzert soll es geben, von wem, wird noch nicht verraten, Amelie Deuflhard vom Vereinsvorstand will und kann noch nicht alle Einzelheiten nennen, die Eintrittspreise aber würden zwischen sechs und 15 Euro liegen. Sicher ist, dass Sasha Waltz mit Tänzern und Musikern den Palast „erkundet“, dass es ein Tanzprojekt „Le Bal Moderne“ gibt, bei dem alle Besucher nach alter Ballhaus-Tradition mittanzen können. Geplant ist ein „Shrinking Cities Music Festival“ mit Musik aus schrumpfenden Städten wie Manchester oder Detroit. Laienchöre aus dem gesamten Bundesgebiet werden singen, geplant sind auch eine Architekturkonferenz namens „Fun Palace Of The Republic“ und eine Lichtinstallation „Supernova“.

Der Palast werde so zum „urbanen Labor“, sagte Flierl. Die Planung gestalteten der Verein, die „Sophiensäle“ und das Hebbeltheater. Eine Verlängerung des Programms ist schon beantragt. Finanziert wird ein großer Teil der Projekte aus Mitteln der Bundeskulturbeauftragten und des Hauptstadtkulturfonds. Der Veranstaltungsservice „mediapool“ mietet im Auftrag des Vereins das Haus von der Bundesvermögensverwaltung. Die technische Herrichtung kostet rund 70000 Euro und wird von Sponsoren finanziert. Es ist nicht geplant, Tribünen einzubauen, das Publikum wird stehen oder gemeinsam durch den Raum geführt. Beim „Richtfest“ auch durch ein kleines Musterzimmer: Dort soll es original so aussehen wie einst im Palast.C.v.L.

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