Berlin : Vorhang auf für die Pappkameraden

Für Thomas Mann war es „das schönste Geschenk für Kinder“: das Papiertheater. Das Nicolaihaus lässt die alte Tradition an den Adventswochenenden wieder auferstehen.

Christoph Stollowsky

Bärbel Reißmann greift in eine alte Zigarrenkiste und sucht vorsichtig nach Robinson Crusoe. Ganz weit unten hat er sich versteckt. Ein kleines Mannsbild aus Pappe mit aufgemaltem Zausebart und Felljacke, aber klugen, fast edlen Gesichtszügen. Daumengroß, als käme er gerade aus dem Lande Liliput. Bärbel Reißmann stellt ihn auf die Tischplatte und bewegt einen dünnen, kaum sichtbaren Draht, der an der Figur befestigt ist. Robinson Crusoe wird lebendig: kurze Verneigung, Kehrtwende, Abtritt.

Auch Bärbel Reißmann verschwindet. „Einen Moment", ruft die Mitarbeiterin der Theaterwissenschaftlichen Sammlung der Stiftung Stadtmuseum, und läuft in einen Gang voller Regale. „Hier!" Die kleine, lebhafte Frau ist kaum zu sehen hinter dem Papiertheater, das sie nun herbeischleppt. Eine Bühne en miniature in prächtigen Farben hält sie in den Armen, vielleicht einen Meter lang und mit allem ausgestattet, was ihre großen Vorbilder auch haben. Es gibt einen Samtvorhang zum Hochkurbeln, einen kleinen Orchestergraben, und die Seiten- und Hintergrundkulissen erzeugen eine verblüffende Raumtiefe. Zwischen 1820 und 1920 eroberten die Papiertheater die bürgerlichen Stuben und wurden „das schönste Geschenk für die Kinder", wie Thomas Mann in seinem Familienroman „Buddenbrooks" schreibt. Besonders an dunklen Herbst- und Wintertagen. Dann saß die Mutter am Flügel, der Vater führte Regie, die großen Kinder waren die Spieler und die Jüngsten schauten mit den Großeltern zu.

Das ist auch am zweiten und dritten Adventswochenende wieder möglich, wenn die Stiftung Stadtmuseum im Theatermuseum Nicolaihaus in Mitte zu Papiertheater-Aufführungen einlädt. Bühnen und Figuren gibt es genug. Sie lagern im theatergeschichtlichen Fundus der Stiftung in einer früheren Preußen-Kaserne in Tempelhof. Aus dem Stand könnte Bärbel Reißmann den Doktor Faustus und andere klassische Schauspiele oder Opern wie Carl Maria von Webers „Freischütz“ oder Mozarts Zauberflöte aufführen. Natürlich auch Kinderstücke wie Rotkäppchen und Rübezahl.

Aber solche besonderen Stücke für die Jüngeren waren vor 200 Jahren, als das Papiertheater entstand, selten. Das Repertoire ähnelte dem Programm der großen Bühnen. Damit wollte man den Mädchen und Jungen im Sinne der Aufklärung schnellstmöglich Bildung und Tugend vermitteln. Der alte Berliner Verlag „Winckelmann&Söhne“ erkannte damals den Bedarf und brachte ganze Theaterbausätze auf den Markt – zum Beispiel für das Thalia-Theater. Eine Berliner Familie hat es der Stiftung Stadtmuseum vor einigen Jahren vermacht. „Das war wie Weihnachten“, sagt Bärbel Reißmann. Fünf verheißungsvolle Holzkästen gelangten in ihre Hände, die zuvor über Generationen hinweg ein gehüteter Familienschatz waren. Die Familie hatte über Jahre hinweg ihre Sammlung an Figuren und Bühnen-Details ausgebaut. Ganze Kulissensets haben die Mitarbeiter des Museums ausgepackt: Gebirgsdörfer und Häfen, Thronsäle und Hexenhäuser.

Der dänische Schriftsteller Peter Høeg hat über das Papiertheater einmal gesagt: „Es ist nichts, nur Papier, und doch ist es die ganze Welt.“

Papiertheater-Aufführungen im Nicolaihaus, Brüderstraße 13: „Die Weihnachtsgeschichte“ am 6. und 7. Dezember sowie „Schneewittchen“ am 13. Dezember (jew. 15 und 17 Uhr ). Reservierung Tel.: 76007186

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