Berlin : Vorklassen werden bald zum Auslaufmodell

Bildungssenator Klaus Böger will die Vorschulerziehung von den Grundschulen an die Kitas abgeben

Susanne Vieth-Entus

Die Senatsverwaltung für Bildung und Jugend will die Vorklassen an den Grundschulen abschaffen. Die gesamte vorschulische Erziehung soll an den Kindertagesstätten gebündelt werden. Dies gab Bildungssenator Klaus Böger (SPD) am Donnerstag im parlamentarischen Schulausschuss bekannt. Die bisherige Doppelstruktur habe sich nicht bewährt. Ein offizieller Beschluss wurde allerdings noch nicht gefasst, da die SPD/PDS-Koalition zunächst einen Senatsbericht über die Reform der vorschulischen Erziehung abwarten will und ausdrücklich kein Hauruckverfahren wünscht.

Umstritten ist etwa, ob die Kitas qualitativ mit den Vorklassen mithalten können. Insbesondere die CDU zweifelt daran und will deshalb die Vorklassen beibehalten. Die Bündnisgrünen hingegen teilen die Ansicht Bögers und brachten einen entsprechenden Antrag im Ausschuss ein.

Seit langem wird darüber gestritten, ob die jetzige Aufsplittung der Vorschulerziehung sinnvoll ist. Als nachteilig hat sich vor allem erwiesen, dass Vorklassenkinder aus finanziellen Gründen keinen Anspruch auf einen Hortplatz haben. Andererseits sind die Schulen froh, wenn sie Kinder mit sozialen oder sprachlichen Defiziten schon ein Jahr früher betreuen können. Es wurde allerdings nie geprüft, ob die Vorklassenleiterinnen in dieser Hinsicht tatsächlich mehr erreichen als die Erzieherinnen. Familien entschieden deshalb meist aufgrund ihres Betreuungsbedarfs, welche Einrichtung ihr Kind besucht. Aktuell sind immerhin 10 000 Vorschulkinder in einer Vorklasse untergebracht und 14 000 in den Kindertagesstätten.

In den West-Bezirken entscheiden sich bislang 45 Prozent der Familien für den Besuch einer Vorklasse, im Ost-Teil nur 15 Prozent. Bereits vor zwei Jahren wollte Senator Böger die Vorschulerziehung an den Kitas bündeln, scheiterte aber an Widerständen in den Schulen. Das könnte jetzt anders werden, denn die geplanten Ganztagsschulen bieten für alle Seiten gute Perspektiven. So müssten die Vorklassenleiterinnen nicht an die Kitas wechseln, sondern könnten für die Ganztagsbetreuung eingesetzt werden.

Diese Ganztagsbetreuung ist inzwischen zum Greifen nah - dank der 135 Millionen Euro, die Berlin zwischen 2003 und 2006 vom Bund bekommen soll. Laut Bildungs-Staatssekretär Thomas Härtel (SPD) reichten diese Mittel aus, um ein flächendeckendes Angebot zu machen, denn für rund 320 Schulen stehe jeweils ein Betrag von durchschnittlich 400 000 Euro zur Verfügung. Damit könnten Küchen-, Speise und Aufenthaltsräume eingerichtet werden. Die restlichen über 100 Grundschulen verfügen über diese baulichen Voraussetzungen bereits jetzt.

Zwar wird nicht damit gerechnet, dass es an allen Grundschulen Nachfrage nach Ganztagsangeboten geben wird. Fest steht aber, dass die Kitas langfristig kaum noch Horte vorhalten müssen. Die frei werdenden räumlichen und personellen Kapazitäten stünden dann den Vorschülern zur Verfügung.

Noch sind allerdings viele Fragen offen wie etwa die Höhe des Elternbeitrags. Vorklassen sind nämlich kostenfrei und damit auch für sozial schwache Familien attraktiv. Böger sagte im Ausschuss, es sei denkbar, dass die Vorschule auch in den Kitas kostenfrei bliebe – zumindest am Vormittag.

Einigkeit herrscht darüber, dass die Qualität der vorschulischen Erziehung insgesamt erhöht werden muss. Denn die Sprachstandserhebungen unter Vorschülern hatten gezeigt, dass es auch nach mehrjährigem Kita- und anschließendem Vorschulbesuch noch große Defizite gibt. Böger hat inzwischen veranlasst, dass die Fortbildungsplätze für Erzieherinnen von 1000 auf 2000 verdoppelt werden, damit sie insbesondere bei der Vermittlung von Deutsch als Zweitsprache kompetenter werden. Außerdem wird die gesamte Ausbildung der Erzieher reformiert.

Die SPD/PDS-Koalition wird sicher nicht Bögers Bericht abwarten, bis sie die Entscheidung zur Zukunft der Vorklasse fällt. Denn die Zeit drängt, da die Reform in das neue Schulgesetz einfließen muss, das in diesen Wochen von den Koalitionären verhandelt wird.

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