VORMARSCH DER FRAUEN : Bedrohte Männermacht

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„Mit Stolz und Befriedigung blickt die Frau zurück auf das, was sie in den letzten Jahrzehnten erreichte, ertrotzte, errang, erzwang, erschuf“, heißt es in der Beilage „Aus der Frauenwelt“ der „Vossischen Zeitung“ vom 4. Januar 1914. Die großen Zeitungen berichteten in der Vorkriegszeit stetig und ausführlich über die weltweiten Aktivitäten der Frauenbewegung. Zwar lag die rechtliche Gleichstellung der deutschen Frauen noch in weiter Ferne und der Reichstag war ein reiner Männerverein. Doch die Frauenredakteurin Doris Wittner war überzeugt: „Die letzten zwei Jahrzehnte haben der Frau nach und nach zu jener Stellung verholfen, von der aus sie die weitere Evolution ihrer rechtlichen, sozialen und politischen Ansprüche geruhsam als eine Frage natürlicher und unaufhaltsamer Fortentwicklung betrachten kann.“ Ein Heer von Industriearbeiterinnen in den großen Fabriken gehörte längst zum Alltag der großen Stadt. Was völlig fehlte, waren Frauen in Führungspositionen, in Forschung und Lehre.

Doch die Männermonopole bekamen Risse: Als Herausgeberin der Frauenzeitschrift „Die Gleichheit“ war die SPD-Politikerin Clara Zetkin bereits Ende des 19. Jahrhunderts eine Pionierin der Frauenbewegung. Zu ihrer engen Vertrauten und Mitstreiterin im marxistisch-revolutionären Flügel der Partei wurde die aus Russisch-Polen zugewanderte Rosa Luxemburg, die ab 1907 Nationalökonomie an der SPD-Parteischule in Berlin lehrte. Im selben Jahr begann Lise Meitner mit Otto Hahn an der Friedrich-Wilhelms-Universität radioaktive Stoffe zu erforschen. Erst 1908 wurden Frauen dort zum regulären Studium zugelassen. Die liberale Frauenrechtlerin und spätere Reichstagsabgeordnete Marie-Elisabeth Lüders wurde 1912 als erste Frau in Deutschland zum Dr. rer. pol. promoviert. Emilie Winckelmann ließ sich als erste selbstständige Architektin in Berlin nieder und baute ein Studentinnenwohnheim an der heutigen Otto-Suhr-Allee 18–20, bekannt als Spielort des Theaters „Tribüne“. Medizinerinnen, die im Ausland studiert hatten, praktizierten schon länger in Berlin. 1911 bezog der „Verein der Künstlerinnen und Kunstfreundinnnen“ sein eigenes Atelier- und Ausstellungshaus am Schöneberger Ufer. Melli Beese machte in Johannisthal als erste deutsche Frau einen Flugschein und eröffnete eine Flugschule.

Im Ersten Weltkrieg ersetzten Frauen die zur Front abkommandierten Männer in Fabriken, Ämtern, Hospitälern und bei den Berliner Verkehrsbetrieben. Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches war der Weg im November 1918 frei für das allgemeine Frauenwahlrecht und die ersten weiblichen Reichstagsabgeordneten. US-Bürgerinnen durften erst ab 1920 ihren Präsidenten mitwählen. Elke Linda Buchholz

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