Berlin : Vorsätze statt Böller

Wolfram Siebeck

Wenn mich früher der Kinderarzt in die Finger kriegte, befahl er mir, den Mund aufzumachen, drückte mir einen rauen Holzspatel auf die Zunge und brüllte „Sag Ahhh!“ Ich röchelte, versuchte das widerliche Holz wegzuschieben und gab ein Geräusch von mir wie eine leer laufende Badewanne.

Frau Hoffmann hingegen reißt ihr Maul auch ohne Aufforderung so weit auf, dass darin eine fette Amsel nisten könnte. Vielleicht hofft sie das sogar, aber im Allgemeinen habe ich den Eindruck, dass sie gähnt. Wenn ich früher gähnte und hielt mir nicht die Hand vor den Mund, bekam ich sofort eins mit der neunschwänzigen Katze übergezogen. Dieser einschwänzigen Katze auf ihrem Ethno-Kissen Manieren beizubringen, ist hingegen hoffnungslos. Ich bestaune ihren rosa Rachen, die Reihe der intakten Zähne und wundere mich höchstens, dass sie schon wieder müde ist.

„Und wie hast du die Silvesterknallerei überstanden? Unterm Sofa?“, frage ich.

„Es war ekelhaft“, sie zuckt nervös mit dem Schwanz, „warum macht ihr das?“

„Zu viel Geld im Umlauf. Wir feiern den Aufschwung. Und dabei denkt niemand an die leidenden Haustiere!“

„Pah! Hunde leiden mehr. Die stellen sich immer so hysterisch an.“

Wie Meerschweinchen, will ich hinzufügen. Da fällt mir ein, dass sie sich zu Weihnachten ein Meerschweinchen gewünscht und nicht gekriegt hat. Also frage ich etwas anderes: „Hast du eigentlich gute Vorsätze fürs kommende Jahr gefasst?“

„Was für Dinger?“, fragt sie irritiert. Sie denkt jetzt wohl auch an das Meerschweinchen.

„Gute Vorsätze“, erkläre ich, „nimmt man sich beim Jahresbeginn vor. Zum Beispiel, beim Gähnen künftig die Pfote vors Maul zu halten.“

„Wozu soll das gut sein?“

„Nun, es könnte dir sonst eine Biene ins offene Maul fliegen.“

„Wo sind denn hier Bienen?“

„Okay, in dieser Jahreszeit schlafen sie auf ihren Honigtöpfen. Aber heute morgen habe ich einen Schmetterling ohne festen Wohnsitz gesehen. . .“

„Er soll kommen. Eintritt wird nicht erhoben.“ Sie reißt das Maul weit auf.

„Du könntest dir vornehmen, die Brekkies nicht mehr auf dem Teppich zu verteilen!“

„Wäre das in deinen Augen ein guter Vorsatz?“

„Allerdings. Ich müsste deinen Fressnapf sonst in den kalten Flur stellen.“

„Mir macht die Kälte nicht so viel aus wie dir.“

„Es trägt ja auch nicht jeder einen so dicken Pelz wie du.“

„Der von Westerwelle ist dicker.“

„Und deine Freundin aus der Uckermark?“

„Das ist Staatsgeheimnis.“

So ungefähr stelle ich mir die Verhandlungen in der Großen Koalition vor, da wird der einen Seite schon schlecht, wenn die andere nur ins Zimmer kommt. („Was hat sie denn heute wieder für furchtbare Latschen an! – Der Kerl duftet, als käme er geradewegs aus dem Bordell – Kann der sich seinen albernen Dialekt nicht mal abgewöhnen? – Die Zicke hat schon wieder eine neue Haarfarbe – Ohne seine Bodyguards wirkt er ziemlich mickrig.“)

Frau Hoffmann knabbert an ihren Krallen. Dann fragt sie: „Hast du keine guten Vorsätze gefasst?“

„Wozu? Ich halte sie doch nie ein“, gestehe ich.

„Das ist schade“, tadelt sie mich. „Du könntest dir etwas vornehmen, das deinem Haustier Freude macht.“

„So etwas wie die Neujahrsansprache? Friede in Freiheit und soziale Gerechtigkeit für alle?“

„Eine andere Sorte Brekkies würde genügen. Keine radikalen Änderungen, bitte!“

„So wie du redest, haben die Bürger dieses Landes gewählt. Und es sieht nicht so aus, als wäre das ihr Lieblingsessen.“

„Das sind meine Brekkies auch nicht. Da müsstest du mir schon jeden Tag Hühnerleber auftischen.“

Aber das verlangt Frau Hoffmann erst gar nicht. Da befindet sie sich in Übereinstimmung mit den Wählern. Ist das nun Bescheidenheit oder Dummheit?

— Der Autor ist Deutschlands bekanntester Gourmetkritiker und kennt sich auch bei Katzen aus. Ganz besonders bei Frau Hoffmann, seiner schlauen Mitbewohnerin. Sie hat zu allem etwas zu sagen.

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