Berlin : Vorsicht Kamera!

„Rein-Raus-Taten“ nennt die Kripo das: Der Räuber geht rein, nimmt sich, was er will, geht wieder raus. In der Nachttanke von Otto Ziege passiert das immer wieder

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BERLINER VERBRECHEN: DIE KRIMIAUTORIN PIEKE BIERMANN ERZÄHLT WAHRE FÄLLE

22. Januar 2004, spätabends. Die Wachablösung ist beendet. Vor Benjamin Pfeiffer liegen lange Stunden einer dunklen kalten Winternacht, in denen er allein den Laden schmeißt. Er kennt das. Er kann das. Er hat es gelernt. Außerdem ist die Leibnizstraße in Charlottenburg eine belebte Magistrale, schmal zwar, aber viel befahren und begangen. Eine klassische Berliner Geschäfts und Wohnstraße mit schönen Bürgerhäusern und ruhigen Nebenstraßen. Der alte Neue Westen. Um diese Zeit sitzen die Leute in den Restaurants und Kneipen, die es hier zwischen Ku’damm und Kantstraße reichlich gibt.

Der Laden, den der schmächtige junge Mann schmeißt, ist die Esso-Tankstelle auf der Ecke Mommsenstraße. Eine der wenigen Nachttanken in Berlin, die noch immer richtig offen sind – man geht zum Zahlen in den kleinen Verkaufsraum, durch voll gestopfte Regale an den Wänden und als Raumteiler mit Autobedarf aller Art, Getränken, Süßigkeiten, Zeitschriften, Zeitungen. Die Zigaretten stapeln sich hinter dem Tresen mit den beiden Kassen. Der große Kühlschrank für die Kaltgetränke steht links davor. Aus dem nimmt um zehn vor elf ein Kunde eine Dose Beck’s und stellt sie auf den Tresen.

Benjamin Pfeiffer scannt das Bier ein und nennt den Betrag. „Und in dem Moment hat der in die Tasche gegriffen, eine Pistole rausgezogen und mir an den Kopf gehalten.“ Ab da geht alles rasend schnell und gleichzeitig seltsam ruhig. Der vermeintliche Kunde sagt exakt drei Wörter: „Überfall, Geld her!“ Reißt die Kasse auf und greift nach den Scheinen. „Und in dem Moment war er abgelenkt, und da bin ich nach hinten.“

Pfeiffer, 26 Jahre alt, ausgelernter Tankwart und seit fünf Monaten Vater, tut fast tranceartig das Richtige: Er ergreift die Flucht und geht in Deckung. Eine unsichere Deckung. Die hinteren Räume sind nicht abschließbar. Was, wenn der Räuber ihm folgt? Frustriert, weil bloß ein paar hundert Euro in der Kasse sind? Der Typ ist ungefähr so alt wie er, hat ungefähr seine Statur. Pfeiffer bleibt in Deckung, beobachtet, was er erkennen kann, versucht sich alles einzuprägen. „Der hat sich das Geld genommen, seine Waffe wieder eingesteckt und ist ganz normal raus. Hat sich nicht mal mehr umgedreht oder sonst was, ist nicht gerannt, gar nichts.“

Pfeiffer sieht zu, wie der Räuber seelenruhig die Mommsenstraße hinunter verschwindet. Dann stürzt er zurück in den Verkaufsraum und ruft die Polizei. Schildert, was los war. Sie sagen ihm, er soll sich nicht vom Telefon rühren und jeden Kunden daran hindern, den Kühlschrank anzufassen. Kein Problem, sind sowieso keine da. War während des ganzen kurzen Überfalls komischerweise niemand auf der Tanke. Kann man ja sehen, später, auf den Videobändern. Die Zapfsäulen haben ja Kameraüberwachung. Wo kommen denn plötzlich die zwei Mädchen und der junge Mann her? Er kann doch gar nicht rausgeben. Die Kasse ist doch leer. Und die zweite ist zu. Na, immerhin stellen die sich alle drei vor den Kühlschrank. Damit da keiner drangeht.

Zwei Minuten später ist der erste Funkwagen da. Kurz danach kommen die Kriminalpolizisten von der Sofortbearbeitung. Benjamin Pfeiffer kann die zweite Kasse aufmachen und seinen Kollegen anrufen, damit der ihn ablöst. Ein Mann wird gefasst, aber der war es nicht. Die Kripo drängelt, will die Tanke schnell zumachen. Moment – da sind doch plötzlich neue Kunden, die tanken doch gerade, da darf man doch die Zapfsäule noch nicht absperren. „Ich konnte nicht mehr. Hab falsch rausgegeben und sonst was. Hatte ’n Flattermann ohne Ende“, erzählt Pfeiffer. Und darf noch immer nicht nach Hause.

Er wird vernommen, anderthalb Stunden lang, kann präzise Angaben machen. Tatablauf. Täterbeschreibung. „Der Räuber ist zirka 25 Jahre alt, 1 Meter 65 bis 1 Meter 70 groß, hat braune, kurze Haare und trug ein dunkles Basecap, einen dunklen Blouson und dunkelblaue Jeans“, wird am nächsten Morgen die Polizeipressestelle als Meldung herausgeben. Ein Allerweltstyp in gemäßigter Hiphop-Uniform. Gefasst ist er sechs Wochen später noch nicht. „Vom Ablauf her ist das eine leider übliche Geschichte“, sagt Jörg Dobslaw. „Im Augenblick sieht es auch nicht besonders erfolgversprechend aus, aber das sagt nichts.“ Der 42-jährige Kriminalhauptkommissar arbeitet seit 1985 bei der Verbrechensbekämpfung (VB) der Direktion 2, zuständig für Charlottenburg, Wilmersdorf und Spandau. VB ist die Kriminalpolizei der örtlichen Direktionen und Dobslaw seit 1993 Kommissariatsleiter von VB III/1, dem Raubkommissariat. Er kennt das enorme Terrain, war hier die meiste Zeit seiner Polizeilaufbahn. „Kripo sein, das ist kein ’Job’“, sagt er energisch. Er fürchtet, dass sich die Sparmaßnahmen, die auch sein Kommissariat um vier Mitarbeiter verkleinert haben, in allzu naher Zukunft rächen werden. Die Raubkommissariate der örtlichen Direktionen machen viel „Jugendarbeit“. Raubtaten werden zum großen Teil von Jugendlichen begangen, häufig denselben, die auch für Gruppengewalt verantwortlich sind. Dobslaw hat die Sachbearbeitung „Jugendgruppengewalt“ der Dir 2 mit aufgebaut – ein Riesenspektrum, denn dazu gehört unter anderem das Olympiastadion und damit eine bestimmte Fußball-Klientel. Hertha-Frösche und deren Gegner. Mit geklauten Fahrrädern oder den bespöttelten abgedrehten Autoantennen hat Dobslaws Arbeit wenig zu tun. Aber viel mit alten Frauen, die Opfer von Handtaschenraub werden und danach noch viel gebrechlicher sind als ohnehin schon. Dass er und seine Leute sich um solche Taten längst nicht mehr so intensiv kümmern können, das nagt an ihm.

2003 sind 56 Tankstellen auf diese oder ähnliche Weise überfallen worden. „Rein- Raus-Taten“ sagen Kripos dazu – der Räuber geht rein, nimmt sich, was er will, und geht wieder raus. Sie werden von den örtlichen Kommissariaten bearbeitet. Hinzu kamen 2003 acht Fälle, in denen es die Täter auf den Tankstellentresor abgesehen hatten. Bei solchen Raubtaten ermittelt das Landeskriminalamt, das LKA 44. Dieses „Dezernat für qualifizierte Raub- und Erpressungsdelikte“ ist seit August 2001 zuständig für schwere und schwerste Raubtaten. „Generell für alle Überfälle auf Lebensmittel- und Drogerieketten, wo nicht ’nur’ die Kassiererin vorne bedroht wird, sondern die Täter an die Tresore gehen“, erklärt Dezernatsleiter Manfred Schmandra, „den klassischen Bankraub, Überfälle auf Postfilialen und Geldtransporter.“ Sowie alles, was nach erheblicher krimineller Energie und stadtweiter Serie aussieht. Zum Beispiel die Bande, die 2003 West-Berliner Kneipen überfallen und Gäste ausgeplündert hat, oder der „Schwarze Riese“, der auch mal an den Tresor einer der Videotheken wollte, oder 2004 die Hotelräuber. 2001 hatte es allein auf Lebensmittelsupermärkte 102 Überfälle gegeben. Die Zahl konnte gesenkt werden auf 71 im Folgejahr und 42 im Jahr 2003. „Die Überfälle sind insgesamt rückläufig“, sagt der 49-jährige Kriminaloberrat, der früher auch mal Inspektionsleiter VB der Dir 6 (damals Berlin-Südost) war und operative Kiez-Arbeit kennt. „Dank der Konzentration durch Zuständigkeitsverlagerung haben wir Aufklärungsquoten – das ist ein Traum! Beim Bankraub liegen wir bei über neunzig Prozent, bei allgemeinen Raubdelikten bei über sechzig.“ Sein Dezernat besteht aus drei Raubkommissariaten, von denen zwei direkt für Raub zuständig sind und eins für Produkterpressung, einem Kommissariat für Trickdiebstahl in Wohnungen und einer Auswertereinheit. Insgesamt rund fünfzig Kriminalbeamte und Angestellte. „Lauter Verrückte – wenn hier ein richtiger Fall ist, muss ich die fast nach Hause prügeln, damit sie mal ein paar Stunden schlafen. Die würden sich hier einbuddeln.“ Schmandra erzählt so begeistert, dass man nicht genau weiß, wer hier wen motiviert, der Chef seine Leute oder die ihn. Oder die aufregende Bandbreite allesamt. Das LKA 44 arbeitet auch präventiv, berät Verbände des Einzelhandels, des Hotel- und Gaststättengewerbes, Banken über Sicherungsmaßnahmen. Inzwischen sichern Supermarktketten ihre Einnahmen mit dem „Tresor-im-Tresor“-System, haben nur noch die Geldtransporter Schlüssel zum inneren Tresor. Selbst wenn er den Filialleiter bedrohte, käme ein Räuber allenfalls ans Wechselgeld für den nächsten Tag, was den Anreiz erheblich schmälert. „Unsere Klientel“, sagt Schmandra, „sind vor allem jung-erwachsene Intensivtäter, in Berlin geborene Türken und Libanesen, teilweise aus bekannten Großfamilien.“ Serientäter also. „Die hauen das Geld auf den Kopf - mit Klamottenkaufen, jede zweite Woche ’n neues Handy, mit dem Jaguar übern Ku’damm, im Puff die Puppen tanzen lassen – und wenn’s alle ist, begehen sie eben die nächste Tat.“ Wobei sie immer öfter von den operativen Kräften des LKA oder der Direktionen beobachtet und in flagranti erwischt werden.

Das mit der „Serie“ kann man auch anders herum sehen. Die Esso-Tankstelle, in der Benjamin Pfeiffer arbeitet, ist jetzt schon das sechste oder siebte Mal überfallen worden, erinnert sich Otto Ziege. Er ist nicht nur eine Berliner Radrennlegende und sportlicher Chef des Sechstagerennens, sondern auch Besitzer der Tankstelle. Ein vor Vitalität strotzendes Berliner Urgestein von knapp 78 Jahren. Gerade eben hat er sich ein kaputtes Knie durch Titan ersetzen lassen, jetzt fährt er wieder selbst Rad. Otto Ziege hat ein Faible für die jungen Leute, die er beschäftigt – „die halten mich jung!“ Sohn Michael hat seine Anwaltskanzlei um die Ecke. Wenn’s lauter wird, weiß Otto, dass Frau Ingrid im Anmarsch ist, und wenn das Telefon klingelt, sind es meistens Radrennfahrer. Otto Ziege liebt seine Tanke und ist täglich von morgens bis abends da. Vor Jahren hatte er den Verkaufsraum mal zugemacht. Das funktionierte nicht. Denn Nachttanken sind soziale Orte auch für Leute, die gar kein Auto haben. Die einen nehmen auf dem Heimweg aus der Kneipe noch schnell die Milch für den Morgenkaffee mit, die anderen einen Sechserpack Bier oder Schokolade zum Frustwegtrinken oder -naschen. „Da standen die Leute bis zur anderen Straßenseite. Und warum? Weil der, der Kasse macht, ja alles selber holen muss, die Scheibe Wurst und ach ja, Eier noch!“ Seitdem hat er im Zapfsäulenbereich Kameras, den Laden wieder offen und sorgt für möglichst viel Betrieb. „Die Taxifahrer kommen, die Polizisten – die kriegen alle ’n Kaffee bei uns.“

Seit dem 23. Januar hat die Nachttanke auch über den beiden Kassen Kameras. Bestellt waren sie vorher schon, nur geliefert noch nicht. Auf dem Videoband vom Tankbereich ist tatsächlich jemand zu sehen. Leider nicht der Täter. Eine Kundin, die von dem Überfall nichts wahrnimmt und die ihrerseits aus Pfeiffers Wahrnehmung gerutscht war. „Ich hatte nur den Blick nach vorn. Und ganz weiche Knie. Man zittert am ganzen Körper, das ist schwer zu beschreiben – als ob man sich fast in die Hosen macht.“ Inzwischen kann er das selbstironisch erzählen. In jener Nacht kommt er um drei Uhr endlich nach Hause, und ab da geht nichts mehr. Bis zum nächsten Spätnachmittag liegt er wach, dann kann er mal zwei Stunden schlafen, bevor er wieder ewig wach bleibt. Zwei Wochen wird er krankgeschrieben wegen der Schlafstörungen. Er schläft höchstens drei, vier Stunden pro Tag. „Ich hatte Zitteranfälle, Albträume, war aggressiv, wenn mich jemand nur angesprochen hat. Ich hab ’ne Frau und ’n kleinen Sohn, fünf Monate alt. Da ist das nicht so prickelnd. Aber ich wollte einfach nur Abstand. Nur für mich sein.“

Seine Ärztin überweist ihn zu einem Therapeuten. Mit dem redet er. Immer wieder. Wochenlang. Und es hilft. „Ich hätte das nicht gedacht“, sagt er, „ich dachte, Therapeuten sind sowieso nur Spinner, aber jetzt bin ich ganz anderer Meinung.“ Langsam klaren der Schockzustand, in den das Erlebnis ihn versetzt hat, und seine Gefühle angesichts der Pistole auf. „Ich hatte die richtig am Kopf, hab auch den kalten Lauf gespürt. So ein schwarzes Ding, der Griff braun. Man weiß doch nicht, was für ein Mensch das ist, ob der abdrückt. Man hat Todesangst. Mehr nicht.“

Bei der nächsten Gelegenheit macht er wieder Nachtschicht. Die ersten Nächte sind mulmig. Bei jedem Kunden, der allein kommt, hat er ein ungutes Gefühl. „Aber ich wollte unbedingt damit klarkommen. Ich wusste, wenn ich mich dagegen wehre, bringt das nichts. Ich muss mich damit auseinander setzen. Und nach drei, vier Tagen ging’s.“ Er schließt auch die Therapie erfolgreich ab. Spätfolgen, sagt sein Therapeut, wären längst aufgetreten. „Ich leb’ mein Leben wieder ganz normal, wie immer.“

Und Kriminalhauptkommissar Jörg Dobslaw und sein Kommissariat arbeiten ganz normal weiter, auch an der Ermittlung dieses Täters. Kann sein, dass plötzlich ein Anruf kommt: Serientäter gefasst, war auch am 22. Januar 2004 aktiv. Dobslaw hält in diesem Fall eine „Spontantat“ für wahrscheinlicher. „Jemand, der akut Geld braucht, wollte an die paar hundert Euro ran, die da sein könnten.“ Ein Junkie vielleicht, ein verzweifelter Arbeitsloser oder das, was man achselzuckend als erlebnisorientierte Jugendliche bezeichnet. Viele Fälle „tragen eine solche Handschrift“, sagt Dobslaw lakonisch. Hundertprozentig sichern kann man sich dagegen nicht. Aber irgendwann wird auch dieser Täter geschnappt. Und geht, weil er eine Waffe benutzt hat, wegen schweren Raubes ins Gefängnis, mindestens fünf Jahre lang.

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