Berlin : Vorsichtige Annäherung an das Wesen Mensch

Thomas Neubacher-Riens

"Was ist der Mensch?" Eine Frage, die Hermann Josef Schuster schon lange umtreibt. Er ist der geschäftsführende Präsident der 1987 vom ihm mitbegründeten Guardini-Stiftung, und deren zentrales Thema ist die Suche nach dem Wesen des Menschen. "Das ist eine offene Frage. Wir sind da vorsichtig geworden", ziert sich Schuster und rollt den Bürostuhl auf Abstand. Er erinnert an den Terror des 11.September.

Antworten auf diese Frage zu geben, sei nur "im Dialog aller gutwilligen Kräfte möglich", ergänzt der Staatssekretär a.D. routiniert-diplomatisch. Diese "gutwilligen Kräfte" versucht Schuster seit dem Ende seiner politischen Karriere, in der Stiftung unter dem Zeichen des Kreuzes zu sammeln. Benannt ist die Stiftung nach dem katholischen Theologen und Philosophen Romano Guardini, der bis zu seiner Vertreibung durch die Nazis 1939 an der Berliner Universität lehrte. Guardinis Credo des Dialogs von Glauben, Kunst und Wissenschaft gibt der Stiftung ihren Rahmen, der gläubige Katholik Schuster lenkt sie. Im weiten Feld zwischen Glauben, Wissenschaft und Kunst versammelte er rund 450 gescheite und inspirierte Köpfe, die nicht nur der Frage nachgehen, wer und was der Mensch sei, sondern mit einem breiten Kulturangebot auch Antworten versprechen.

Die Liste der Mitglieder und Förderer liest sich wie ein universitäres who is who. Zum Kreis gehören neben Theologen wie Friedhelm Mennekes und der Präsidentin der Europa-Universität Frankfurt/Oder Gesine Schwan auch der Literaturwissenschaftler Horst Denkler sowie der Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste Wieland Schmied. Jens Reich ist ebenso Mitglied wie Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und Volker Hassemer.

Insgesamt versammeln allein die kulturellen Beiräte der Stiftung mehr als 40 Professoren und Doktoren. Da liegt die Vermutung eines Elfenbeinturmes nahe, in dem eine "Gelehrtenrepublik" klaustrophobisch über das "Woher" und "Wohin" des Lebens sinniert. "Wir verstehen uns durchaus als Elite" erklärt Schuster. Man wolle seine Antennen ganz weit ausfahren und Sender sein. Heraus kommen bei der katholischen Sinnsuche höchst unterschiedliche Projekte. Gemeinsam mit Polen und Tschechien organisiert die Stiftung einen Jugendaustausch mit Workshops, Theater und Tagungen. Sein osteuropäisches Engagement brachte Schuster die selten vergebene Ehrenmedaille der Universität Posen ein. Bei der Präsentation zeitgenössischer Kunst wechseln sich Ausstellungen zu abstrakten Malern wie Gecelli oder Konzerte zu avancierten Komponisten wie Olivier Messiaen mit wissenschaftlichen Kolloquien zu Themen wie "Krisen als Chance" ab. Die Reihe "Geist und Seele der Stadt", bei deren Veranstaltungen "Kult und Ort" genauso aufgesucht werden wie "Tote Räume", wird im Frühjahr mit einer virtuelle Architekturausstellung im Haus der Kulturen der Welt weitergeführt.

Medial bescheidener kommt da eine Reihe zu Martin Heidegger daher: "Über den Humanismus". "Gelesen und diskutiert unter der Leitung von Hans-Peter Hempel, TU Berlin." Das klingt zu schwer für flotte Partys und erinnert wieder an den Elfenbeinturm. Dabei sind Schuster und die Guardini-Stiftung mittlerweile in der Mitte des urbanen Lebens angekommen. Im letzten Jahr zog die Stiftung nebst eigener Galerie an den Askanischen Platz Nummer vier, in die Nachbarschaft des Jüdischen Museums und des neuen Tempodroms: "eine Veranstaltungsstätte eher für junge Menschen." Das klingt spröde. Die Jugend eines Katholiken und Moralisten um die 70 sieht anders aus als feiern im Tempodrom. Schuster erzählt von seiner Jugend als Messdiener im katholischen Rheinland, zitiert die Liturgie in bestem Latein. Das Jura-Studium in München begleiten die katholische Jugendgemeinschaft und regelmäßige Atelier- und Künstlerbesuche. Die politischen Aufbrüche einer anderen Jugend bezeichnet er als die "68-Wirren". Sie brachten ihm "zerstochene Pneus und nächtlichen Telefonterror" ein. Es hat den dünnhäutigen Katholiken nie abgehalten, Herausforderungen anzunehmen.

Damals nicht, als er Joseph Beuys an die Aachener Universität zum Happening lud, der von einem Burschenschaftler blutig geschlagen mit dem Kruzifix in der Hand das Audimax durchschritt. Ein Skandal, den Schuster gegen den damaligen Bundespräsidenten Heinemann verteidigte: "Wir müssen als Christen den Dialog suchen." Heute sucht Schuster den Dialog immer noch. Beim ersten ökumenischen Kirchtag 2003 in Berlin gestaltet die Guardini-Stiftung gemeinsam mit der evangelischen Stiftung St. Mattheus das Kulturprogramm. Hier werden die aktuellen Fragen nach der Verantwortung der Wissenschaft oder den Grenzen der Gentechnik im Vordergrund stehen. Gemessen am katholischen Hintergrund und dem geistigen Gewicht der Guardianer geht es in der Galerie der Stiftung fast frivol zu. Wenn Schuster die Ausstellung "emotion" mit ihren Schlafzimmerszenen kommentiert, sieht er in den Installationen, Fotografien und Videos junger Künstlerinnen die "Zerrissenheit der Gefühle unter der Oberfläche". Er meint die "Oberfläche der Erotik", aber wer im Paulus-Wort lebt, dass die "Liebe eine Gnade Gottes ist", der darf schweigen, worüber man nicht reden muss. Das Gästebuch verrät, dass weibliche Besucher da weniger subtil sind: "Befreie die Seele und lasse die Extase in jeder Erscheinung zu" schreibt Anja K. und Ulla A. urteilt: "Super-starke Frauen-Power!" Derzeit zeigt die Galerie Werke von Ingema Reuter und Gerd Winner. Beide deuten die "Spuren und Zeichen" des Stadtlebens. Winner mit öden Straßen und Verkehrzeichen, in denen ein Christenmensch wie Wieland Schmied mühelos das Kreuz entdeckt, Ingema Reuters Fotos vom Stadtmenschen legen den Finger an den Puls der Metropole.

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