Berlin : Vorsorge in Gefahr

Jährlich lassen sich Tausende Berliner im Landesinstitut für Sportmedizin kostengünstig beraten. Jetzt droht Privatisierung oder Schließung

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Von Jan-Martin Wiarda

Das Laufband summt wieder einen Ton höher. „Geht’s noch?“, fragt die Frau im Kittel. „Ja, klar“, sagt Andreas Petras, 30, und rennt. Jetzt schon drei Meter in der Sekunde. Sein Nacken färbt sich rot, seine Schritte trommeln auf das Laufband, der Pulsschlag steigt auf 151. Belastungstraining im Landesinstitut für Sportmedizin an der Clayallee.

Jedes Jahr kommen wie Petras 13 000 Menschen zu den Sprechstunden in Zehlendorf und Hohenschönhausen, um sich fachärztlich bestätigen zu lassen, dass sie fit sind. Fit für den Marathon. Fit fürs Hockeyturnier. Bislang hat das Land Berlin als Eigentümerin zugeschossen und dadurch außerordentlich günstige Tarife garantiert. Jetzt sieht die Budgetplanung vor, dass das Institut zum Ende dieses Jahres privatisiert wird.

Bislang war das Landesinstitut auch zuständig für die kostenlose medizinische Betreuung der rund 2500 Leistungssportler in den Landesjugendkadern und an den vier Sportschulen der Stadt. Peter Hanisch, Präsident des Landessportbundes Berlin (LSB), befürchtet deshalb eine massive Gefährdung des Spitzensport-Standortes Berlin. „Wir machen hier etwas kaputt, was sich bundesweit als vorbildliche Institution bewährt hat“, sagt Hanisch. Selbst den Plan, das Institut zu privatisieren, nehme er dem Senat nicht ab. „Man will die entstandenen Strukturen auf kaltem Wege ausradieren.“ Der Gesundheitssenatorin Heidi Knake-Werner wirft Hanisch deshalb „Stillhaltepolitik“ vor.

Das will die Gesundheitsverwaltung so nicht auf sich sitzen lassen. „Die Senatorin hat sich sogar dafür eingesetzt, dass das Institut entgegen der Koalitionsvereinbarung nicht einfach geschlossen wird, sondern die Chance auf Privatisierung erhält“, sagt Sprecherin Roswitha Steinbrenner. „Es ist klar, dass das Land nach Wegen suchen wird, damit die gesundheitliche Betreuung von Nachwuchssportlern gesichert werden kann.“

Neben Jugendkadern und Breitensportlern untersuchen die Ärzte des Landesinstituts jedes Jahr auch einige hundert Profisportler von Berliner Vereinen – ebenfalls zu subventionierten Tarifen. Für die Befürworter der Privatisierung oder gar einer Schließung ist das eine gute Argumentationshilfe.

Laut Landesinstitut allerdings sind Profisportler unter den Patienten die Ausnahme und Leute wie Andreas Petras die Regel. Der hat auf dem Laufband gerade einen Zwischenstopp eingelegt. Alle drei Minuten misst Dr. Klaus-Peter Schüler den Blutdruck. Bei über 200 ist der schon angekommen. Die Schwester presst Petras noch einen Tropfen Blut aus dem Ohrläppchen, dann läuft er weiter: 3,25 Meter in der Sekunde.

Sportmediziner Schüler, graue Haare, graue Brille, ist ein ruhiger Mann: Seine Sätze sind kurz und präzise. „Wir wissen hier ja gar nichts“, sagt er, während das Laufband wieder Fahrt aufnimmt. „Keiner sagt uns, wie es weitergehen soll.“ Gemeinsam mit dem LSB hat das Landesinstitut ein Konzept zur Privatisierung ausgearbeitet. Am Donnerstag wurde das der Senatsverwaltung per Boten überbracht. Jetzt heißt es warten. Das Abgeordnetenhaus hat den Senat aufgefordert, bis Ende Oktober zu erklären, wie er die sportmedizinische Untersuchung der Jungsportler sicherstellen will.

Im Grunde, so haben die Autoren des Konzepts errechnet, geht es um 700 000 Euro. So viel würde es kosten, die Betreuung der 12- bis 18-Jährigen weiter kostenfrei anzubieten. Doch eigentlich, sagt LSB-Präsident Hanisch, geht es um viel mehr. Um Leute wie Andreas Petras, Breitensportler: Die müssten bei kostendeckender Arbeitsweise für Untersuchung, Belastungstests und Gespräch statt 40 Euro das Doppelte zahlen. Kinder würde es noch härter erwischen: Bislang zahlen sie fünf Euro, ab 2003 dürften es 35 sein. „Der Staat darf sich nicht aus der Verantwortung ziehen“, sagt Hanisch. „Ständig werden Kinder ermuntert, Sport zu treiben. Vorsorge gehört auch dazu.“

Zur Gesundheitsvorsorge ist auch Petras gekommen. Im September will er wieder beim Marathon mitlaufen, diesmal unter vier Stunden. Doch in letzter Zeit hat er Wadenkrämpfe. Nach dem Laufband sitzt er mit Dr. Schüler vor dem Computer und sieht sich EKG-Kurven und Blutwerte an. Die seien in Ordnung, sagt der Mediziner, doch der Blutdruck mache ihm Sorge. Der Marathon sei nicht gefährdet, doch bitte keine Tempoläufe machen in nächster Zeit. Erst mal abklären, was da los ist.

2001 hat das Institut allein unter den Jungkadern 40 totale und 330 eingeschränkte Sportverbote ausgesprochen, zur Vorsicht. Dass die keinen Spaß machen, lässt sich an Petras’ Gesicht ablesen. „Ohne Tempoläufe werden unter vier Stunden schwer“, sagt er leise. Die Enttäuschung wäre ihm im kommenden Jahr vielleicht erspart geblieben. Die richtige Behandlung allerdings womöglich auch.

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