Vorweggenommene Zeitumstellung : In Kreuzberg gehen die Uhren anders

Vor ein paar Wochen wurden aus dem Backsteinturm der Kreuzberger St.-Lukas-Kirche die Ziffernblätter ausgebaut. Nun ist die Uhr wieder komplett, geht aber um 60 Minuten falsch. Thomas Lackmann fragt in Zeiten der Digitalisierung analog nach der vorgezogenen Winterzeit.

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Eines Morgens vor ein paar Wochen wurde aus dem Backsteinturm der Kreuzberger St.-Lukas-Kirche an der Bernburger Straße die Zeit ausgebaut. Wer vorbeikam, konnte gerade noch sehen, wie Zeitdiebe, verkleidet als harmlose Arbeiter, die in vier Himmelsrichtungen weisenden Ziffernblätter der Turmuhr herauspräparierten und, theatralisch herabschwebend, fortschafften. Hatte der altmodische Chronometer nicht schon länger stillgestanden, oder brauchten Zeiger und Ziffernstriche nur eine Schönheits-OP? Die Löcher im Mauerwerk wurden mit Plastik verstopft. Die Bernburger Straße und ihre Nachbarschaft, in der auch die Redaktion dieser Zeitung logiert, haben den Verlust überlebt.

Die analoge Uhr ist von vielen öffentlichen Bildflächen verschwunden

Die meisten Zeitgenossen, wie man uns so nennt, fragen Stunden und Minuten sowieso elektronisch ab, auf dem Display ihres Computers, ihres Handys oder ihrer digitalen Armbanduhr, die nach Wunsch piept, wann immer die Erinnerungsfunktion eines Turmuhr-Gongs auf solche Weise für den Privatbedarf simuliert werden soll. Die analoge Normaluhr ist dagegen, aus Kostengründen vor allem, von vielen öffentlichen Bildflächen verschwunden. Digitalisierung hat sich in den Köpfen der Zeitgenossen so siegreich durchgesetzt, dass die meisten für ihre persönliche Schreibgewohnheit die Platzhalter-Null, eine Darstellungskrücke des dumpfbackigen Computers, übernommen haben. Ist es nun fünf nach zwei oder 02:05? Sehen wir das Leben als unendlichen Kreis, als Torte mit fetten Viertelstunden-Stücken oder als atemlose Adhoc-Aufnahme aus einer binär codierten Tabelle? Für die digital Kapitulierenden ist das Leben eine Ziffernkombination. Nur Fortschrittsmuffel beharren auf der antiquierten Darstellung des kommenden und gehenden Kontinuums, mit dem wir uns bewegen, verliebt in nostalgische Räderwerke, für die es bald keine Ersatzteile mehr gibt …

Die Zeitumstellung vorweggenommen

Seit ein paar Tagen, kurz vor der Umstellung zur Winterzeit, ist die Turmuhr zurückgekehrt. Es gibt wieder eine Zeit im öffentlichen Raum. Das Ziffernblatt glänzt, Gold auf Blau, die Ticktack tut ihren Job, geht jedoch 60 Minuten nach. Nein, vor geht sie! Aus praktischen Gründen, mangels Funkverbindung zu Meister Hora und um nicht gleich am Sonntag wieder aufwendig justieren zu müssen, hat man bei der Montage die Zeitumstellung vorweggenommen. Den Philosophenstreit, ob es eigentlich nur „Gegenwart“ oder letztlich nur „Vergangenheit“ gibt, entscheidet die vor- und zugleich nachgehende Turmuhr auf ihre Art. Wie spät es eben wirklich war? Ist Ansichtssache, hängt auch davon ab, ob die Torte schmeckt.

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