Vorwurf des Kindesmissbrauches in Berlin : Mutmaßlicher Täter hält Predigten

Der Lehrer, der wegen Verdachts auf sexuellen Missbrauch eines Kindes vom Dienst suspendiert wurde, leitet eine freikirchliche Gemeinde in Berlin.

Susanne Vieth-Entus

Der Glaube war es, der William S. (Name von der Red. geändert) aus England direkt nach Berlin führte. Eine „große Zahl leidenschaftlicher Gläubiger“ schwebte ihm vor, die in Deutschland und über Deutschland hinaus christliches Gedankengut verbreiten sollten. So schrieb er jedenfalls, als er sich von seinen Gleichgesinnten 2009 verabschiedete.

Vier Jahre später steht die kleine freikirchliche Gemeinschaft, die S. in Berlin ins Leben rief, vor dem Problem, dass ihr Gründer laut Polizei des „schweren sexuellen Missbrauchs“ eines Jungen verdächtigt wird. Wie berichtet, hatte sich der Kirchenmann, der auch Lehrer an der Nelson- Mandela-Schule ist, am vergangenen Freitag bei der Polizei selbst angezeigt – „da er ein intimes Verhältnis zu einem minderjährigen Schüler der Sekundarschule geführt hat“, wie der Leiter der Nelson-Mandela-Schule, Christian Nitschke, in einem Brief an die Elternschaft darlegte. Die Polizei ergänzte diese Angaben dahingehend, dass der Junge „unter 14 Jahre“ alt sei und dass auch die Eltern Anzeige erstattet hätten. Der Lehrer wurde sofort suspendiert.

Ein Bekannter des Lehrers reagierte überrascht auf die Selbstanzeige wegen sexuellen Missbrauchs

Ein Bekannter des Lehrers reagierte am Donnerstag überrascht auf das Geschehen. Er berichtete, dass S. üblicherweise einmal wöchentlich vor „50 bis 60“ Gleichgesinnten in einem Gebäude predigt, dass der evangelischen Landeskirche gehört, die die Räume auch an Nutzer außerhalb der eigenen Kirche vermietet. Auch vor wenigen Tagen war dort ein Gottesdienst angesetzt, der dann aber abgesagt wurde, wie auf der Homepage der Freikirche zu lesen ist. Abgesehen vom wöchentlichen Gottesdienst treffen sich die Gemeindemitglieder meist in Privatwohnungen. Dort werden auch die „Glaubenskurse“ abgehalten, bei denen sich Interessierte versammeln, um sich zwanglos „mit dem christlichen Glauben auseinanderzusetzen“, wie der gebürtige Brite im Jahr 2011 in einem Radiobeitrag schilderte.

Die Vorfälle sollen sich nicht in der Schule zugetragen haben

Im „privaten Bereich“ und nach bisherigen Erkenntnissen nicht in der Schule sollen sich auch die Vorfälle zugetragen haben, die jetzt zur Anzeige führten. Wie berichtet wird, waren die Familien des beschuldigten Lehrers und des Jungen eng befreundet und auch durch die kleine Gemeinde miteinander verbunden. Nach Informationen des Tagesspiegels legte William S. bei seiner Einstellung ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vor. Diese Bescheinigung wird seit Mai 2010 von allen Lehrkräften gefordert, um das Risiko zu verringern, dass beispielsweise vorbestrafte Pädophile abermals mit Kindern zusammenarbeiten dürfen.

Laut Bildungsverwaltung nimmt die Mandela-Schule die Einstellung ihrer Lehrer selbst vor. Verantwortlich für das gesamte Auswahlverfahren sei der Schulleiter. Zudem gibt es an den bilingualen Schulen wie den internationalen Schulen und den Europaschulen die Besonderheit, dass viele Muttersprachler benötigt werden. Dies führt dazu, dass auch Lehrer eingestellt werden, die über keinen deutschen Lehramtsabschluss verfügen. Allein an der Nelson-Mandela-Schule haben nach Aussage der Bildungsverwaltung sechs Lehrkräfte die Amtsbezeichnung „Lehrkraft nach Recht des Heimatlandes“.

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