Berlin : Wachsweich

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VON TAG ZU TAG

Andreas Conrad über

das Knetgesicht des großen Diktators

Dem Prinzip des Recyclings begegnet der junge Mensch gewöhnlich in Form einer Kerze. Einem Erwachsenen mögen die Wachsseen, die sich unter billigen Lichtlein sammeln, ein Ärgernis sein. In Kinderhänden werden sie zur willkommenen Knetmasse, aus der sich die aufregendsten Figuren formen lassen, Blumen, Ritter zu Fuß und zu Pferde oder Monster. In diesem Kinderspiel gründen wohl auch die Wachsfigurenkabinette, die sich international großer Beliebtheit erfreuen, nicht trotz, sondern gerade wegen der ausgestellten Monster. Eines fehlt fast nie: Hitler, gerne ergänzt durch seinen Kollegen Stalin. Nur in Berlin, dem Ort, an dem das Original wirkte, geht das nicht, da wird ein unschuldig platziertes Hitler-Bildnis rasch zum Politikum und das Ende seines Reiches ist nah – wie jetzt in dem von Vermieterhand gekündigten Kabinett des wachsweichen Schreckens in der Friedrichstraße. Dabei wäre die Lösung so einfach gewesen. Nicht Hitler in einen hinteren Raum verbannen, gegenüber von Charlie Chaplin, sondern – Heil Hynkel! – offensiv die Erläuterungen ändern: „Die Figur zeigt Charlie Chaplin als ,Der Große Diktator’.“

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