Berlin : Waden, nichts als Waden - Allein unter Zehntausenden Inlineskatern

Björn Seeling

Zehntausende Inlineskater waren Mittwochabend wieder auf den Beinen, um an der Blade-Night quer durch die Innenstadt teilzunehmen. Diesmal ging es vom S-Bahnhof Tiergarten über den Alex zum Strausberger Platz. Und wieder zurück. Ein Tagesspiegel-Reporter rollte mit und machte sich dabei Gedanken über das Phänomen.

Du lieber Himmel! Was mache ich hier nur? Waden, nichts als Waden: urwaldbehaart, nacktschneckig, muskelbergig, puddingweich, nesquickbraun, quarkspeisenweiß. Massenveranstaltungen sind ein Gräuel. Kein Wunder, dass die letzte Demonstration, bei der ich aktiv dabei war, schon 14 Jahre zurückliegt. Es war 1. Mai, und der Kampf- und Feiertag der Werktätigen, und die DDR brauchte zahlreiche Kämpfer und Feiernde, auch wenn sie lieber am Baggersee gelegen hätten. Und nun sollte es wieder über die damalige Demo-Route gehen, denn die Blade-Night führte zur Karl-Marx-Allee, auf der die Tribünen für die DDR-Oberen aufgebaut waren, damit sie die Huldigungen "ihrer" Menschen entgegen- nehmen konnten. Dieses Wiedersehen aus einer anderen Perspektive hatte einen gewissen Reiz. (Wenngleich die Anwohnerschaft der Plattenbauten rechts und links weitaus mehr für Demonstrationen zu begeistern war). Aus dem Blickwinkel eines Skaters, der gebremst von streitsüchtigen Bürgern auf dem Bürgersteig oder gehetzt von rasenden Radlern auf dem Radweg um seinen Platz kämpft, lockte natürlich zudem die Aussicht darauf, sechsspurige Straßen ganz für sich allein zu haben. Am Ende war ich allein mit 50 000.

Als Blade-Nighter musste ich für die Gleichstellung des Inlineskatings mit dem Radfahren demonstrieren. Ein durchaus greifbares Ziel. Früher ging es noch um die bessere Weltordnung, am Mittwoch um die bessere Verkehrsordnung.

Auch wenn Inlineskating weitgehend ohne Abgase läuft, so ist es eigentlich doch eher unökologisch. Denn meist nutzt der Sportler sein Auto, um zu seiner Lieblingsstrecke zu gelangen. Nicht anders die Freunde der Roller-Nacht: Sie parkten die Straßen rund um den den Startpunkt am S-Bahnhof Tiergarten zu. Und ich durfte mit anderen Empörten darüber die Stirn runzeln. Dass mein Auto etwa fünf Roll-Minuten entfernt stand, musste ja niemand wissen.

Um 21 Uhr setzte sich der Pulk in Bewegung. Für Skater, die als Rowdies schlechthin gelten, viel zu pünktlich und viel zu diszipliniert. Und vorneweg huschten auch noch Ordner in phosphoreszierenden Westen! Als die Ersten schon die Siegessäule umkurvten, schnürten sich die Letzten am S-Bahnhof Tiergarten noch die Schuhe zu.

Die Generation Golf demonstrierte, und die Eltern und Großeltern guckten zu. Amüsiert, verärgert, vom Bordstein, vom Balkon. Autos hielt die Polizei fern, so dass sich parallele Universen der Fortbewegung nicht in die Quere kamen.

Ein merkwürdiger Protestzug. Keine dröhnenden Lautsprecherwagen, kein Tschingderassabum, keine Transparente. Dafür Gelächter, Kichern, Geplauder, Handyfiepsen, hie und da Rufe, Pfeifengetriller. Ich war Teil der leisesten Demo Berlins. Das Ganze wurde von einem großen Brausen untermalt: das beruhigende Geräusch Abertausender Gummirollen, die sich vom rauen Asphalt abstoßen. Der Pulk äugte immer wieder gen Himmel: Mögen die turmhohen Wolken, die sich an der Spitze des Fernsehturms zu verfangen scheinen, nur das Wasser halten! Wenn es jetzt regnete, fände der Spaß ein rutschiges Ende. Spaß?! Ja, trotz der beängstigend zahlreichen wackligen Waden war es schließlich ein Vergnügen, inmitten der fröhlichen Massen über die Fahrbahnen zu gleiten. Der Sieg des Herdentriebs?

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben