Währung : Seit Weihnachten kursieren wieder Brösel-Euros

Die Bundesbank spricht von vereinzelten Fällen, die Ursache für zerfallende Geldscheine bleibt ungewiss. Einer Frau aus Schöneberg zerfiel ein Zehn-Euro-Schein binnen 20 Minuten.

Christoph Stollowsky

„Brösel-Euros“, „Geldfraß“, „magische Geldvernichtung“ – seit eineinhalb Jahren geraten mysteriöse Geldscheine in die Schlagzeilen, die auf unerklärliche Weise wie angekokeltes Papier zerfallen. Vor zwei Tagen ereignete sich ein weiterer Fall in Berlin: Dagmar R., eine junge Frau aus Schöneberg, nahm Zuhause einen Zehn-Euro-Schein aus der Geldbörse, den sie kurz zuvor in einem Supermarkt beim Wechseln erhalten hatte. Als dieser auf dem Tisch lag, „bekam er wie von Zauberhand Löcher“, erzählt sie, „innerhalb von zwanzig Minuten fielen ganze Stücke heraus, übrig blieben der Rand und einige Fetzen.“ Eine Sprecherin der Bundesbank in Frankfurt a.M. bestätigte gestern, dass solche Brösel-Scheine in den vergangenen Wochen „auch anderswo in Deutschland noch vereinzelt aufgetaucht sind“.

Im Juni 2006 kamen erstmals aufgeschreckte Berliner mit zerfallenen Scheinen zur Polizei. Bis Juni 2007 hatten die Behörden schon 4480 Brösel-Scheine im Wert von 5 bis 100 Euro bundesweit sichergestellt, die meisten in Berlin und Brandenburg. Danach sei das Phänomen wieder seltener geworden, teilte die Polizei gestern mit. Gleichwohl wird weiter ermittelt, denn bislang ist das Rätsel nur zur Hälfte geklärt: Man weiß durch Laboranalysen, dass eine wässerige Schwefelsäure den Zerfallsprozess verursacht. Ob die Scheine aber durch ein Versehen oder technische Pannen mit der Säure in Berührung kamen oder von Kriminellen vorsätzlich damit getränkt wurden, ist noch völlig unklar.

Die Schwefelsäure entfaltet erst ihre ätzende Wirkung, wenn sie mit Handschweiß in Berührung kommt. Gesundheitsschädlich sei das aber nicht, wird versichert. In den meisten Fällen, waren die aufgelösten Euros kurz zuvor aus einem Geldautomaten geholt worden. Im Automaten wie auch im Banktresor und Geldtransporter hatte sie niemand berührt – doch beim ersten Zugriff kam es dann zur chemischen Reaktion.

Bei der Bundesbank und den Ermittlungsbehörden geht man davon aus, „dass das Schlimmste vorbei ist.“ Die größte Menge des gesäuerten Geldes sei vermutlich schon vor etlichen Monaten in Umlauf geraten. Dass jetzt noch vereinzelt Scheine auftauchen, hänge möglicherweise mit dem höheren Geldbedarf in der Weihnachtszeit zusammen. „Vielleicht haben die Banken zusätzlich Notenbündel ausgegeben, die schon längere Zeit im Tresor lagerten“, mutmaßt die Polizei.

Schwefelsäure kommt in Reinigungsmitteln und Batterien vor. Deshalb fahndeten die Ermittler in Papierfabriken und in der Bundesdruckerei sowie in Banken und Geldautomaten, ob bei der Scheinherstellung, beim Transport der Geldpakete mit batteriebetriebenen Gabelstaplern oder bei der Ausgabe ein Panne passiert sein könnte. Doch es ergab sich keine überzeugende Spur.

Stecken also Kriminelle hinter der monetären Zersetzung? Geldfälscher kommen laut Kripo nicht in Frage. Für sie mache es keinen Sinn, Banknoten mit Säure zu verunreinigen. Für denkbar halten es die Experten, dass Fanatiker ein Symbol des Kapitalismus zerstören wollen, doch Bekennerschreiben liegen keine vor. Sogar die Drogenszene wurde ins Visier genommen, weil es dort Brauch ist, Geldscheine als Unterlage zum Schnupfen der Partydroge „Crystal Speed“ zu verwenden. Vielleicht sei die Droge zeitweise mit Sulfaten verunreinigt gewesen, hieß es. Aber das erwies sich als Sackgasse. Ebenso wie ein Besuch der Kripo bei Berliner Künstlern, die Banknoten mit Säure behandelten, um sie „ästhetisch zu verändern“.

Wer einen zerfressenen Schein ersetzt haben will, kann ihn bei den Berliner Bundesbank-Filialen umtauschen – wenn die Hälfte noch vorhanden ist. Das Risiko, einen Brösel-Schein zu bekommen, ist laut Bundesbank aber geringer „als die Chance auf einen Lotto-Sechser“. Bundesweit sind 5 Milliarden Euroscheine in Umlauf.

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