Berlin : Wärmerekord: Subtropisch geht es in den Winter

Hans Toeppen

Klimawandel oder nicht - dieser November glänzt wie der Frühling, und die Rekorde purzeln. So viel Sonne war nie. Seit Beginn der meteorologischen Aufzeichnungen im Jahr 1909 hat es noch nie 100 Stunden Sonne in einem Berliner November gegeben. Heute dürfte es soweit sein: Rekord Nummer 1. Und noch nie war ein 29. November so warm wie gestern, 13 Grad. Rekord Nummer 2. Den dritten Rekord kann man nur vermuten: Wohl noch nie an einem November-Ende war die Stadt so frei von Winter-Depression. Schlechte Zeiten für Trübsal, schlechte Zeiten für therapeutisches Kunstlicht.

Winterdepressionen werden üblicherweise mit künstlichem Herbstlicht behandelt, sagte beim Deutschen Wetterdienst gestern der Medizin-Meteorologe Klaus Bucher. Das ist zur Zeit kaum nötig. Die natürliche Sonne, die jetzt über uns strahlt, "ist völlig ausreichend", meint Bucher. Man könnte also sagen, die Stimmung ist besser als die Jahreszeit. Die erste geht aufwärts, die zweite abwärts. Die Sonne hat jedenfalls günstigen Einfluss auf die Seelenlage, das Immunsystem, die Widerstandskraft, auf Aktivitäten aller Art, man geht ins Freie - und das ist auch wieder gut für die Seele, das Immunsystem und den Körper. So schließt sich der Kreis aufs Schönste, und alle Nachrichtenagenturen sprechen plötzlich von Frühlingsgefühlen.

Tatsächlich: Schon vor einer Woche sind in Berlin blühende Forsythien gesichtet worden. Ja, man hat sogar lächelnde Leute auf den Straßen beobachtet. Der Monat war knapp zwei Grad zu warm, wie bei Meteofax gestern Susanne Danßmann sagte. Normal wäre ein Durchschnitt von 4,5 Grad, registriert wurden bisher 6,3 Grad.

Das ist zwar kein Rekordwert, denn die November 1938 und 1963 stehen sogar mit acht Grad in den Büchern. Aber man muss nicht nur die subtropische Luft aus dem Mittelmeerraum sehen, sondern auch die harmonische Zusammenarbeit dieser Warmluft mit der Sonne. Die Sonne schien nämlich fast doppelt so lange, wie nach dem langjährigen Durchschnitt zu erwarten war. Umgekehrt hat es mit 22 Litern nur halb so viel geregnet - ein gänzlich untypischer November.

Dabei ist der letzte noch gut in Erinnerung. 1999 war der Monat auch relativ sonnenreich und ziemlich trocken - aber kalt. Nämlich 0,6 Grad zu kühl, an zwei Tagen gab es Neuschnee, und an sechs Tagen insgesamt lag Schnee. Das ist der optische Grund, weshalb man bei dem Winter des vorigen Jahres vor allem an den November denkt.

Vorerst kann man bei Frühlingsgefühlen bleiben. Nach Einschätzung von Meteofax wird es weiter trocken, milde und subtropisch in den Dezember gehen mit Maximaltemperaturen um 11 oder 12 Grad. Sozusagen ein blühender erster Advent. Meteofax bescheinigt uns eine Wetterlage wie im Frühsommer, als es mit südwestlichen Wetterlagen statistisch viel zu warm war. April bis Juni, "das war damals unser Sommer".

Und was sagt das alles über Weihnachten aus? dpa zitierte die Meteorologen vom Deutschen Wetterdienst in Offenbach gestern mit der Aussage, dass es keine guten Aussichten auf weiße Weihnachten gebe. Ganz anders dagegen Donald Bäcker von Meteofax. Er setzt auf einen Umkehrschluss. Normalerweise kommt im November eine Kältewelle (siehe 1999), dann wird es Mitte Dezember wieder warm, und der richtige Winter erscheint erst im neuen Jahr. Das wäre also die Konstellation für grüne Weihnachten. Bäcker sagt nun: "Je länger es milde bleibt, desto höher wird die Wahrscheinlichkeit, dass der erste Wintereinbruch auf die Zeit um Weihnachten fällt". Man weiß gar nicht, wie man das statistisch ausdrücken soll. Etwa so: Zu Weihnachten gäbe es dann November-Wetter. Bäcker schätzt die Wahrscheinlichkeitr für weiße Weihnachten auf "60 bis 70 Prozent". Man sieht, überall heitere Stimmung.

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