Berlin : Wagen und wägen

Brigitte Grunert über die Sprache der Politiker

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Wenn Politiker reden, dann wollen sie für ihre Anliegen werben. In der Regel. Manchmal aber drücken sie sich um klare Worte, weil es den Wähler verprellen könnte. Wie Politiker sprechen und was sie wirklich meinen – künftig alle zwei Wochen von Brigitte Grunert.

Mama, ist das eine Woge?“ – „Nein, das ist eine Waage.“ – „Dann will ich mich mal wagen.“ – „Wiegen, mein Kind.“ Gesagt, getan. „So, jetzt habe ich mich gewiegt.“ – „Gewogen!“ – „Aber dann ist es ja doch eine Woge, Mama.“

Der alte Schulwitz illustriert, dass es gar nicht so einfach ist, bestimmte Verben richtig zu beugen. Man muss es lernen, notfalls pauken, denn was Hänschen nicht lernt, lernt Hans bekanntlich nimmermehr. Und die unregelmäßigen Verben haben es in sich. Da wird viel falsch gemacht. Man möchte kaum glauben, was alles gang und gäbe ist. Eine Leserin sandte mir eine Blütenlese. Er erleidete Schmerzen. Er wurde von einem Auto mitgeschliffen. Die Bedenken überwiegten. Sie hat sich eines Besseren besinnt. Also er erlitt einen Unfall. Aber er litt große Not, denn er litt unter Schmerzen. Der Bedauernswerte war vom Auto mitgeschleift, nicht mitgeschliffen worden. Geschliffen werden in der Bedeutung von schärfen Edelsteine, Messer, Scheren. Im übertragenen Sinne schliff der Feldwebel die Soldaten auf dem Exerzierplatz. Dagegen schleiften die alten Ritter Burgen.

Es gibt viele Verben mit doppelter Bedeutung. Sie unterscheiden sich durch die Konjugation, zum Beispiel wiegen oder gären. Die Mutter wiegte das Baby, sie hat es in den Schlaf gewiegt. Doch um sein Gewicht festzustellen, wog sie es, sie hat es gewogen. Deshalb überwiegten auch die Bedenken nicht, sie überwogen. Es gärte im Volk, es hat gegärt. Aber der Saft, der gor, ist gegoren. Der Rundfunk sendete Nachrichten, ich bekam ein Fax gesendet. Doch der Gesandte ist kein Gesendeter und das Versandhaus kein Versendungshaus. Sie sandte ihm einen Dankbrief, nachdem er ihr ein Päckchen gesandt hatte. Nur nimmt man es mit dem feinen Unterschied heute nicht mehr so genau. Das merkt man auch bei wenden – wendete – gewendet und wenden – wandte – gewandt. Der eine wandte sich, der andere wendete sich an die richtige Stelle. Doch beim Wenden gibt es nur eine Beugung. Er wendete den Wagen. Der Mantel wurde gewendet.

Vor zwei Tagen aber traute ich meinen Ohren nicht. „Das Salonhafte wird gestriffen“, sagte ein Rundfunkmoderator allen Ernstes, und das obendrein beim bildungsbeflissenen Radio Kultur. Wie ist es bloß möglich, dass selbst ein kinderleichtes regelmäßiges Verb (streifen – streifte – gestreift) nicht mehr vor falscher Beugung sicher ist? Man sollte nicht zu laut über Lehrerwitze lachen.

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