Wahl in Berlin : Haste nicht getwittert, warste nicht dabei

Von Detlef dem Wahlhelfer bis zu Österreich-Witzen – was die Berliner den Tag über aus ihren Wahllokalen im Kiez berichteten.

von und Clara Lipkowski
Aktuelle Twitter-Schau.
Aktuelle Twitter-Schau.Foto: dpa

In Zeiten der digitalen Identität gilt: Haste nicht gepostet, warste nicht dabei. Außerdem hat der smartphone-erfahrene Wähler in der Schlange vor dem Wahllokal ja auch genug Zeit für einen witzig- tiefgründigen Tweet mit den akkuraten Hashtags. Egal ob Wahlaufrufe oder Gezeter über neue Hashtag-Kreationen wie #twitternwie18uhr oder Tiere in Wahlkabinen.

Sehen und gesehen werden ist das Motto auch im Digitalen. In Österreich hatten Gemeinden bei der Bundespräsidentenwahl gar teilweise unerlaubt Ergebnisse bereits vor 17 Uhr via Twitter und Facebook mitgeteilt. Hier das Berliner Wahltagsgetwitter.

Die Berliner lassen sich ja gerne mit viel Selbstironie über ihre Stadt aus. Daran ändert auch ein Wahltag mit allen demokratischen Pflichten nichts. Scherze über den „Fluchhafen“ BER und die Amtsmisere in den Behörden der Hauptstadt muss man nicht lange suchen.

Ein Mädchen kommt ganz in Schwarz mit Sterni in der Hand

Die Hauptstädter können allerdings nicht nur Selbstgeißelung, sondern hauen auch gerne mal auf die Nachbarn drauf: Nach dem Uhu-Skandal in Österreich darf man sich schon mal auf die Brust klopfen, dass die Wahl stattfindet und keine OSZE-Beobachter geschickt werden müssen.

Sonntagmittag im Wedding. Ein junges Mädchen kommt ganz in Schwarz ins Wahllokal. In der Hand ein Sterni, im Gesicht Glitzer. Berliner Schick? Früher hat man ja noch den Sonntagsanzug ausgepackt, um sein Kreuzchen angemessen zu machen.

Schick oder siffig – alle sind dabei. In Berlin liegt die Wahlbeteiligung auf jeden Fall deutlich höher als vor fünf Jahren. Schon gegen Mittag gab es ein Plus von sechs Prozent. Der innere Demokrat freut sich – hält dann aber kurz inne. Bei den letzten drei Landtagswahlen in Hessen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern hat eine höhere Wahlbeteiligung zum Erfolg rechter Parteien geführt.

Auch in Berlin ist der Andrang bei vielen Wahlbehörden groß. Vor allem aus Schöneberg kommen Berichte von langen Wartezeiten. Eine Stunde Anstehen am Wahlsonntag macht aber nicht mal die milde Herbstsonne erfreulicher:

Demokratischer Enthusiasmus oder Berliner Organisationsgeschick? Vom Termin überrascht? Hier bitte einen Österreicher-Witz einfügen. Danke! Der Tenor auf Twitter ist allerdings: „Ick steh gerne an, wenns für’n juten Zweck ist“.

Vielleicht besetzt auch jemand die Wahlkabine.

Falls wirklich die Berliner Linie gilt, hätte der Wahlrebell jetzt 24 Stunden Zeit, bis die Räumung erfolgt.

Alle gegen die AfD

Der Stimmung auf vielen Kanälen: „Wählt, aber wählt nicht AfD“.

Auf dem Weg zum Wahllokal ist der Bezirk schon geschmückt. Ein Foto zeugt davon, an einer Hauswand steht gesprayt: „AfD stoppen.“ Ein anderer Nutzer postet ein anderes Foto: „Wer heute nicht die AfD wählt, darf sich ein Freibier nehmen“ – darunter ein voller Kasten Berliner Pils und dazu die genaue Adresse in Treptow-Köpenick. Und ein Mülleimer wurde kurzfristig umfunktioniert zur Wahlurne für die AfD. Diese Beschriftungen finden sich mehrfach in der Stadt.

Wer Berliner sein will, muss sich in den Öffis zurecht finden, hören Neuberliner häufig. Wenige Städte haben so eine Obsession mit ihren öffentlichen Verkehrsbetrieben wie Berlin und umgekehrt. Darum äußerte sich auch die BVG am Sonntag zur Wahl: Meckern darf nur, wer mitmacht – gilt für Wahlen und Verkehr.

In die Wahl schaltet sich auch Hertha ein

Hertha BSC schließt sich da gleich an. Sonntagabend spielt das Team gegen Schalke04, aber für Wahlmotivation bleibt noch Zeit.

So charmant wie die BVG und Hertha sind auch die Berliner Wahlhelfer. Auf die Frage: "Darf ich meinen Hund mitnehmen?", antwortete ein reizender Neuköllner Wahlhelfer: "Wegen mir könnse den König der Löwen mitbringen, Hauptsache Sie wählen."

Kinder waren allerdings mancherorts dann doch wieder nicht erlaubt, wie eine Mutter berichtete. Verliebte Pärchen durften leider auch nicht gemeinsam in die Wahlkabine, mit Verlaub, aber so viel Ordnung muss dann doch schon sein. In Wedding bezeichnet der alteingesessene Wahlhelfer Detlef die BVV Mitte als „Freizeitliga“.

Ein Twitterer hinterfragt den Hashtag #Berlinwahl: Er dachte, das heißt Berlin Wall. Am Abgeordnetenhaus stellt man sich indes auf einen intensiven Wahltag und -abend ein. Tagesspiegel-Redakteur Björn Seeling war „vor Örtchen“.

Spott nach den ersten Hochrechnungen und schwarzer Humor

Kein guter Tag für SPD und CDU, aber Michael Müller bleibt mit ziemlicher Sicherheit im Amt. Bei Frank Henkel heißt es vielleicht bald Bewerbungen schreiben.

"Große Koalition bei Berlin-Wahl abgestraft: CDU ärgert sich über 38%, SPD über historisch schlechte 23%", twittert der Account "Tagesschau vor 20 Jahren"

Den ganzen Tag gab es Aufrufe, die Berliner sollen doch bitte alle wählen gehen. Eine Ausrede haben laut einem Twitter-Nutzer nur eine bestimmte Bevölkerungsgruppe. Humor der schwärzesten Sorte am Wahltag.

Manche Twitter-Nutzer haben sogar Hellseherische Fähigkeiten bewiesen - unter dem Hashtag #twitternwieum18uhr wollten sie den üblichen Politiker-Sprech vorwegnehmen. Mit Erfolg.

Manche Wähler verfolgen auch eine "Quid pro quo" Strategie

Und auch mit der Wahlschlappe der Piraten wird es wohl auch in Zukunft noch Pferdekutschen in der Hauptstadt geben...

Die Berliner SPD fährt am Sonntag ein historisch schlechtes Ergebnis ein. Auch die Bundespartei zittert schon vor der Bundestagswahl 2018. Sigmar Gabriel, der aussichtslose Kanzlerkandidat gratulierte Michael Müller Sonntagabend zu, naja man weiß es nicht genau. In seinem Kopf liefen vielleicht auch schon wahltaktische Überlegungen.

Die Bürger hingegen hätten da mal ein paar konstruktive, lebensnahe Vorschläge.

Die Bezirke kommen - die AfD auch

Nach und nach trudeln immer mehr Zahlen aus den Bezirken ein. Da schreiben sich die "Bezirk XY ist das XY von Berlin"-Tweets wie von alleine.

Wenn wir später mal von 2016 erzählen...

Während die Bezirke ja gerade noch ausgezählt werden, macht sich langsam Verwunderung über die starken Unterschiede zwischen den ersten Auszählungen kurz nach 18 Uhr und den späteren Zahlen breit. Die SPD etwa sackt immer weiter ab - kurz vor 21 Uhr lag die Partei nur noch bei 21,5 Prozent. Erste Hochrechnungen hatten Müller noch 23 Prozent der Wählerstimmen zugesprochen.

Leiden die Wähler aus Marzahn-Hellersdorf an Gedächtnisschwund? Das fragt sich unsere Autorin Susanne Vieth-Entus. Erst die hohen Wahlergebnisse für die AfD und dann das.

Und dann plötzlich sowas.

Beunruhigung: Teile Berlins stehen unter Wasser.

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