Wahl in Berlin : Unabhängige Kandidaten: Frei von jeder Partei

18 unabhängige Kandidaten treten am Sonntag zu den Berliner Wahlen an. Allein in Lichtenberg sind es zwei.

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Am Sonntag wird gewählt.
Am Sonntag wird gewählt.Foto: dpa

In Lichtenberg sind sie schon zu zweit. Oliver Snelinski und Lucas Steinführ wollen Abgeordnete werden, ohne einer Partei anzugehören. Sie machen Wahlkampf in minimalistischem Stil: Leute ansprechen, Diskussionen beginnen, Postkarten verteilen. Plakate mit ihren Gesichtern gibt es nicht – Oliver Snelinski hat bloß ein Transparent am Balkon seiner Wohnung angebracht.

Keine Stände, keine Kugelschreiber – und doch hören erstaunlich viele Leute hin, wenn sie angesprochen werden. Snelinski und Steinführ haben sich an einem Spätsommernachmittag auf dem Vorplatz des U- und S-Bahnhofs Lichtenberg verabredet, um mit möglichen Wählern ins Gespräch zu kommen. Viele von denen, die hier unterwegs sind, verdienen ihr Geld mit Händen und Werkzeugen, man sieht es an ihrer Kleidung, und beginnen den Feierabend mit einer Zigarette und einem Bier im Gehen. Sie winken ab – und bleiben dann doch stehen, wollen wissen, wieso man denn als Unabhängiger antrete und finden das zumindest interessant. Ein junger Mann mit schwarzer Basecap und einem Boxer an der Leine wehrt ab, „ne, wir haben keine Zeit!“. Dann hört er zu und nimmt eine Postkarte von Oliver Snelinski.

Sein Politikverständnis ist direkt

18 unabhängige Kandidaten hat die Berliner Landeswahlleiterin zur Wahl am 18. September zugelassen. Sie treten in Neukölln an, in Reinickendorf, in Marzahn-Hellersdorf, in Mitte, in Friedrichshain-Kreuzberg und in Pankow. Der Behörde zufolge sind die Unabhängigen mehr geworden: Sieben waren es bei der Wahl 2011, neun im Jahr 2006.

Oliver Snelinski, 36, sagt möglichen Wählern, die Karte sollten sich die Leute an den Kühlschrank heften, für nächstes Jahr. Dieser Wahlkampf ist für ihn der vierte, und 2017 will er sich um ein Bundestagsmandat bewerben. Dass er mal als Direktbewerber gewählt würde, ist für ihn Theorie – doch die Wahlkämpfe, die Gespräche, das Beschaffen von Informationen über das, was den Leuten in Lichtenberg wichtig ist, das alles ist seine Form von politischem Engagement.

Snelinski war nie in einer Partei, er gehört nicht zu denen, die die Parteiendemokratie für ein kaputtes System halten. Er fände es aber gut, wenn die Hälfte aller Mandate in einem Parlament auf Unabhängige entfiele. Die könnten dann nämlich in Sachfragen Mehrheiten organisieren und Entscheidungen herbeiführen, die an der Sache orientiert wären. Das jedenfalls ist seine Vorstellung von demokratischer Politik.

Die in der Wirklichkeit zu verfolgen, kostet ihn Zeit, Kraft und ein bisschen was von dem Geld, das er als angestellter Lehrer für Sport und Politik verdient. Sein Politikverständnis ist, wenn man so will, direkt: Er nimmt wahr, dass viele in seiner Umgebung von den Möglichkeiten einer Parteiendemokratie nicht viel halten. Eine riesige Bürokratie kümmere sich um Arbeitslose – würde da nicht das bedingungslose Grundeinkommen den Betroffenen und den Verwaltenden „mehr Vorteile als Nachteile“ bringen?

Verbreitete Politik- und Parteienmüdigkeit

Vieles von dem, was er für richtig hält, hört sich eher nach linker Politik an, doch Oliver Snelinski will sich nicht in die Mechanismen einer Partei begeben. Apparate, Sitzungen würden zum Selbstzweck, meint er, er aber wolle „offen für Themen“ sein.

Ein naives Verständnis von Politik? Auch Lucas Steinführ, 20 Jahre alt und Student, will sich auf die Parteiendemokratie nicht einlassen. Wie Snelinski konzentriert er sich im Wahlkampf auf einige wenige Themen, zum Beispiel die Zustände an den Schulen des Bezirks, und wie Snelinski hofft er, politisch direkter wirken zu können, wenn er keine Rücksicht auf eine Partei nehmen muss. Manches von dem, wofür er sich einsetzt, erinnert an den Pragmatismus von Bürgerinitiativen, die punktuelle Verbesserungen erreichen wollen. Unter dem Stichwort „Integration“ setzt er sich mit den Arbeitsbedingungen von Menschen auseinander, die mit Flüchtlingen Deutsch lernen. Steinführ findet, sie sollten feste Verträge erhalten, schließlich leisteten sie eine wichtige Arbeit, statt auf Stundenlohn- oder Honorarbasis bezahlt zu werden.

Eine Kleinigkeit bloß, aber wichtig für die Betroffenen. Sie sagt etwas über das Politikverständnis von Snelinski und Steinführ: Es zielt auf Punkte, mit denen sich die beiden auskennen und bei denen sie genau wissen, was man anders oder besser machen könnte.

Wenn es etwas gibt, das die Unabhängigen verbindet, dann ist das der Eindruck einer verbreiteten Politik- und Parteienmüdigkeit. Dagegen arbeiten sie an, auch wenn sie nur auf ein paar hundert oder tausend Stimmen hoffen können. Snelinski und Steinführ sind an dem Nachmittag Postkarten und Flyer komplett losgeworden.



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