Berlin : Wahl ohne Wurst

Stephan Wiehler

wünscht sich eine volkstümlichere Präsidentenwahl Auf Kaiserwetter haben wir ja seit November ’18 keinen Anspruch mehr, aber ein bisschen heiterer hätte sich der Himmel über dem Reichstag am Sonntag schon zeigen können – auch wenn drinnen kein Haupt gekrönt, sondern „nur“ ein Präsident gewählt wurde. So aber kamen nicht mehr als ein paar wasserfeste Demokraten am Platz der Republik zusammen, vertraten sich unter Regenschirmen die kalten Füße vor einer Videowand, um – wenn sie schon nicht selbst abstimmen durften – der Bundesversammlung doch zumindest ganz nah zu sein. Doch das einzig Volkstümliche, das der Wahltag den Zaungästen zu bieten hatte, war der sympathische Versprecher von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, der die Kandidatin Gesine Schwan zum Mann machte, als er sie mit „Herr Schwan“ ansprach.

Ansonsten gab es nichts, das die Laune hätte heben können – kein Bratwurstduft, kein Bier, keine Karussells, nicht mal ein kleiner Politzirkus mit Parteienständen, Fähnchen oder Köhler-Stickern beflügelten den patriotischen Geist. Dabei lässt sich der Berliner doch sonst keine Gelegenheit zur Sause nehmen. Und gestern hätten wir sogar die Wahl gehabt: Wer das neue Staatsoberhaupt nicht hätte feiern wollen, hätte einen auf das Grundgesetz heben können, das 55 Jahre alt wurde – Schnapszahl! Zur nächsten Bundespräsidentenwahl wird sicher alles ganz anders. Wenn Horst Köhler die Nation erst richtig reformfreudig geredet hat, tobt zu seiner Wiederwahl der Bär vor dem Reichstag. Das Land muss sich verändern. Und es geht nicht nur um die Wurst.

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