Wahl-Serie: Integration : Das größte Problem sind die Unterkünfte

Lange war die Berliner Verwaltung mit der Integration der Flüchtlinge überfordert. Im neuen Leistungszentrum für Asylbewerber im ICC zeigen sich nun Fortschritte. Trotzdem gibt es noch viele Probleme.

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Flüchtlinge warten vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Archivfoto).
Flüchtlinge warten vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Archivfoto).Foto: Michael Kappeler/dpa

Ein Flughafen. Ja, ein bisschen gleiche das ICC in diesen Tagen einem Flughafen, sagt Andreas Manthey-Aznavuryan und nickt zufrieden angesichts des gelungenen Vergleichs. „Boarding-Pässe, Check-in, Wartezonen, Gates“, zählt er auf und zeigt in Richtung der Flüchtlinge, die zwischen roten Absperrbändern geduldig darauf warten, an einem der Schalter bedient zu werden. Im Mai ist in die Eingangshalle des früheren Kongresszentrums ein Beratungs- und Leistungzentrum für Asylbewerber eingezogen. Manthey-Aznavuryan – grauer Anzug, warmes Lächeln, kurzes Haar – hat die Fäden in der Hand.

Im neu gegründeten Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) ist er der Chef der Abteilung für „Registrierung und Leitung“. Vormittags dreht er gern im ICC seine Runden, löst Probleme, hört sich bei den Mitarbeitern um. Nichts erinnert hier mehr an die verzweifelten Menschenmassen, die noch vor einigen Monaten im Schlamm, in der Kälte und notdürftigen Zelten am Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) in Moabit teils mehrere Tage warteten.

Diepgen sieht Verbesserungen

Eine deutliche Entspannung der Lage stellt auch der ehemalige Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen fest, der mittlerweile im Beirat für Zusammenhalt dem Senat hilft, Integrationsprobleme zu lösen. „Im vergangenen Jahr wurde Berlin angesichts der Schwäche der systematisch abgebauten Verwaltung einfach überrannt. Nun sehen wir erhebliche Verbesserungen, was die Voraussetzungen für Integration und Unterbringung von Flüchtlingen betrifft“, sagt Diepgen.

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Im LAF, das das in die Kritik geratene Lageso am 1. August in allen Flüchtlingsfragen abgelöst hat, sollen künftig 550 Mitarbeiter daran arbeiten, die Neuankömmlinge zu registrieren, unterzubringen und zu integrieren. Noch immer ist die Behörde für 44 000 Menschen zuständig, deren Aufenthaltsstatus noch nicht geklärt ist. Erst nachdem eine Aufenthaltsgenehmigung ausgestellt wird, sind Jobcenter oder Sozialamt zuständig.

Im ICC ist es an diesem Vormittag bis auf ein wenig Kindergeschrei erstaunlich ruhig. Die Schlangen sind überschaubar, Wartende werden mit Wasser versorgt. An einem der Schalter ist ein junger Pakistaner an der Reihe. „Sie haben keine Leistungen bekommen?“, fragt ihn die Mitarbeiterin auf Deutsch. Er schüttelt den Kopf. „Gar keine.“ Die Mitarbeiterin nickt, macht eine Notiz und druckt für ihn einen blauen Schein mit einem Barcode darauf aus. Anschließend scannt sie diesen ein. Der Flüchtling ist jetzt ins System eingecheckt. Sein Sachbearbeiter in der Außenstelle Turmstraße, wo der Termin schließlich stattfinden wird, bekommt Bescheid. Ihm wird dann auch schon die Akte des Pakistaners aus einem zentralen Raum gebracht.

„Ihren Arm bitte“, sagt die Mitarbeiterin jetzt und bindet dem jungen Mann ein fliederfarbenes Bändchen ums Handgelenk. Die Farbe – es gibt zum Beispiel auch Kanariengelb und Lachsfarben – soll zeigen, in welchem Wartebereich er sich aufhalten muss. So wird gesteuert, dass er zur richtigen Zeit mit dem Bus in die Turmstraße zu seinem Sachbearbeiter gefahren wird.

Die 23-jährige Iranerin floh vor der Polizei

„Sehen Sie, wie am Flughafen“, sagt Manthey-Aznavuryan. Der 50-Jährige hat zuvor lange bei der AOK gearbeitet, bevor er im Februar ans Lageso kam. Bereits am ersten Tag sah er dort die traurigen Schlangen, die er sonst nur aus dem Fernsehen kannte. Abgeschreckt hat ihn das nicht. Im Gegenteil. „30 Jahre im Sozialsystem, ich dachte, ich kenne alles. Hier lerne ich jeden Tag was dazu“, sagt er.

Ortswechsel an den Ostpreußendamm in Lichterfelde. Wenn das ICC ein Flughafen ist, dann ist Niloufar Rahimipur am Zielort angekommen – zumindest vorläufig. Die 23-jährige Iranerin mit den blond gefärbten Haaren sitzt in einem kleinen hellen Raum der Gemeinschaftsunterkunft – ein Vorzeigeprojekt des Senats. Von innen merkt man nicht, dass das Gebäude aus bunten Containern besteht. „Seit drei Monaten wohne ich hier. Meine Unterkunft vorher war schmutzig, die Sicherheitskräfte haben uns nicht menschenwürdig behandelt“, erzählt sie mithilfe eines Dolmetschers. Insgesamt gibt es derzeit 146 Unterkünfte für Asylbewerber in Berlin.

Rahimipurs Unterkunft wird von dem Diakonietochterverein Milaa (Miteinander leben, aber anders) betrieben und beherbergt etwa 300 schutzbedürftige Flüchtlinge wie Traumatisierte oder Schwangere. Die 23-jährige Rahimipur hat die Unterdrückung der Frauen im Iran nicht mehr ausgehalten, die Angst vor der Polizei. Kurzer Mantel, Make-up, Lippenstift – all das ist für Frauen dort eigentlich verboten. Schließlich floh sie mit ihrer Mutter und ihrer Schwester. „Das Gefühl von Freiheit in Deutschland ist großartig. Ich kann mich so anziehen, so reden, so leben, wie ich will“, sagt sie nun. Rahimipur trägt kein Kopftuch, ihre Jeans sind modisch-löchrig, die Fingernägel perfekt lackiert.

Die junge Frau, die im Iran bereits Chemie studiert hat, will in Deutschland jetzt noch einmal an die Uni für ein Medizinstudium. Aber erst einmal lernt sie Deutsch. Jeden Tag Sprachkurs. Oft paukt sie noch bis spätabends Vokabeln. „Das funktioniert gut“, sagt sie.

Doch die größte Herausforderung bei der Integration von Flüchtlingen sind derzeit nicht die Sprachkurse oder die Verwaltung. Es ist die Unterbringung. „Auch wenn es Containerbauten und sogenannte Tempohomes gibt, stehen wir bei längerfristigen Unterkünften noch am Anfang“, sagt Diepgen. Momentan leben noch mehr als 6000 Menschen in Berlin in Turnhallen. Wohnungen sind – wie für alle Berliner – Mangelware. Zudem hält Diepgen die Beschäftigungsprogramme für Flüchtlinge bislang bei Weitem nicht für ausreichend. „Arbeit ist ein Grundrecht und ein Selbstverständnis von Menschen.“

Und Diepgen mahnt etwas an, was er atmende Verwaltung nennt. Denn auch wenn kaum noch Flüchtlinge ankämen, müsse man vorbereitet bleiben. „Wir dürfen uns nie wieder so überraschen lassen.“

Im ICC schließt Manthey-Aznavuryan seinen Rundgang ab. Wie sieht es denn aus mit der Vorbereitung? Manthey-Aznavuryan sieht entspannt aus. „Derzeit kommen täglich etwa 1000 Flüchtlinge für ihre Termine hierher. Die Kapazitäten würden für 2500 reichen.“

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