Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus : Mit Bart und Botschaft für Neukölln

Klaus-Dieter Krause möchte für Neukölln ins Abgeordnetenhaus. Seine Kandidatur als parteiloser Bürger versteht er als Kunstprojekt.

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Parteilos. Klaus-Dieter Krause vor seinem Atelier in Neukölln.
Parteilos. Klaus-Dieter Krause vor seinem Atelier in Neukölln.Foto: Sven Darmer/Davids

Angela Merkel blickt direkt auf die „Botschaft“. Die hängt als Plakat an der Wand: „Gerechtigkeit für alle!“ Man benötigt schon ein bisschen Fantasie, um in der Maske mit den schwarzen Augen auf dem Kleiderständer Angela Merkel zu erkennen. Aber Klaus-Dieter Krause sagt es so, und dann ist es so. Krause ist schließlich Künstler, Konzeptkünstler: Nach seiner Interpretation ist sogar die Limonadenflasche auf dem Tisch Kunst. Und wenn ein Besucher trinkt, dann ist das auch Kunst. „Was man macht ist Kunst“, sagt Krause.

Im Fenster seines Ateliers, Hertastraße 6, steht der untere Teil einer Schaufensterpuppe, darauf eine Art Litfaßsäule mit Zylinder. Auch Kunst, aber nicht nur. „Ich lasse mich gerne unterstützen“, steht darauf. Und wer zwei Meter nach rechts geht, direkt zur Eingangstür, der stößt auf eine kleine Schiefertafel, auf der mit Kreide geschrieben steht: Wahlkreis 3.

Wahlkreis 3 umfasst Teile von Neukölln, hier kandidiert Klaus-Dieter Krause, 67, Diplom-Ingenieur, Ex-Mediendesigner, Künstler, und einer von vielen, die ohne Parteianbindung ins Abgeordnetenhaus wollen. Gut, offiziell kandidiert er noch gar nicht. Wenn er es schafft bis Montag, 18 Uhr, 40 Unterschriften zu bekommen, schafft er es auf die Liste.

Krause steht vom Tisch auf und studiert, den Oberkörper leicht gebeugt, die große Karte von Neukölln an seiner Wand. „Ach, Rixdorf gehört ja auch dazu, sehe ich gerade“, sagt er. Krause sieht das alles nicht so eng. Sein Gesicht wird zur Hälfte von einem wild wuchernden Bart bedeckt, die grauen Haare sind zu einem buschigen Zopf verdichtet. Er trägt eine Baseballkappe, auf der ungelenk „Ich hasse Fremdwerbung“ geschrieben steht. Klaus-Dieter Krause hat viele Botschaften.

„Für mich ist nicht wichtig, ob ich scheitere“

Natürlich kann es sein, dass es nicht klappt mit seiner Mission. Krause weiß das natürlich, es stört ihn bloß nicht. „Für mich ist nicht wichtig, ob ich scheitere“, sagt er. „Wenn ich scheitere, verarbeite ich dieses Ergebnis künstlerisch.“ Das ist nur logisch. „Schließlich ist meine ganze Kandidatur auch eine Kunstaktion.“

Auf dem Tisch, neben ihm, liegt ein Stapel beschriebenes Papier. Das ist schon mal ein wichtiger Teil seines Projekts Kandidatur/Kunst. Säuberlich hat er alles notiert, was ihm die Leute sagen. Er hört ihre Klagen, ihr Wünsche, ihre Kommentare. „Die Blätter arbeite ich dann durch.“ Und wie? „Vielleicht mache ich aus den Kommentaren ein Lied.“ Ein Titel schwebt ihm schon vor: „Ihr könnt mich alle unterstützen.“ Dann wird er mit dem Text und der Melodie im Kopf vor die Tür treten und musizieren. Oder er mietet sich ein anderes Atelier und stellt aus. „Die Reaktionen der Leute und ihre Kommentare fasse ich vielleicht in Bildern und Graphiken zusammen.“

Zettel in Neukölln
Junger Brite aus London sucht WG-Zimmer in Neukölln. Joachim Schörbach entdeckte diesen Zettel in der Leykestraße.Weitere Bilder anzeigen
1 von 103Foto: Joachim Schörbach
19.06.2017 10:16Junger Brite aus London sucht WG-Zimmer in Neukölln. Joachim Schörbach entdeckte diesen Zettel in der Leykestraße.

Gerade ist seine Bürgersprechstunde, wie jeden Donnerstag sitzt er in seinem Atelier, hat Obst und Limonade auf den Tisch gestellt und wartet. Im Hintergrund läuft tonlos eine Übertragung auf „Phoenix“, Krause trägt eine Weste mit „Arte“-Emblem. Es kommt aber niemand.

Strukturiertes Wahlprogramm ist nicht seine Sache

Seine zentrale Botschaft: bedingungsloses Grundeinkommen für Leute, die keine Arbeit haben oder jedenfalls nicht die Arbeit, die sie gerne hätten. Fürs bedingungslose Grundeinkommen hatte er auch gekämpft, als er bei den Piraten mitmischte. Aber die hatten es damals mehr mit der Digitalisierung, einer wie Krause fühlte sich da nicht wohl. Er war auch mal kurz bei der SPD, aber weil sie einen Antrag von ihm abgelehnt und überhaupt bei Personalien gemauschelt hätten, ist er dort auch wieder gegangen. Jetzt ist er „parteilos“.

Ein klar strukturiertes Wahlprogramm ist nicht unbedingt seine Sache. Er vermischt eher ein paar unorthodoxe Gedanken, wie zum Beispiel, den BER einfach nicht zu eröffnen oder das Stadtschloss nur von den Leuten bezahlen zu lassen, die es auch wollen.

Wer’s denn doch ein bisschen lokaler möchte, dem liefert Krause seine Gedanken zur Silbersteinstraße, die südlich des S-Bahn-Rings die Hermannstraße kreuzt. Dort liegen die Schadstoffwerte bedenklich hoch. Also will Krause den Autoverkehr dramatisch reduzieren: Fahrverbot am Sonnabend oder besser noch am ganzen Wochenende. „Ich will die Stadt verbessern“, sagt er. Aber: „Ich muss in der Praxis schauen, was möglich ist.“ Eher wenig. Aber er hat trotzdem eine Botschaft, deshalb macht er ja auch „das ganze Theater“. Diese Botschaft lautet: „Ich will den Bürgern zeigen, dass man auch als parteiloser Bürger etwas bewegen kann.“ Selbstverständlich ist auch die Maske auf dem Kleiderständer am Eingang eine Botschaft. Krause blickt streng: „Ich will die Merkel weg haben.“

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