Wahlbezirke (6) : Was Friedrichshain-Kreuzberg ausmacht

25.08.2011 11:39 UhrVon Daniela Martens, Nana Heymann
Markttag. Moderatorin Miriam Pielhau kauft gerne am Boxhagener Platz ein. Foto: Paul Zinken
Markttag. Moderatorin Miriam Pielhau kauft gerne am Boxhagener Platz ein. Foto: Paul Zinken

Die Moderatorin und Buchautorin Miriam Pielhau erzählt, warum sie sich in ihrem Kiez in Friedrichshain engagiert. Thees Uhlmann, der bald sein erstes Soloalbum veröffentlicht, zeigt seinen Lieblingsort in Kreuzberg.

Friedrichshain ist ein gemütliches Dorf, findet die Moderatorin Miriam Pielhau.

Der Mann schreit. Mit zusammengekniffenen Augen und weit geöffnetem Mund. Der Mann ist ein grau-weißes Graffiti auf einem unrenovierten Haus. Miriam Pielhau bleibt davor stehen und sagt: „Ich fühle mich in Friedrichshain so wohl, weil es hier so bunt ist.“ Mit „bunt“ meine sie sowohl die Menschen, die hier leben und die Besucher, die kommen, um zu feiern, als auch die Graffiti an den Wänden – selbst wenn die manchmal eher grau sind: „Hier verewigt sich die Szene noch an den Mauern, und das mag ich“, sagt die 36-jährige Moderatorin, Buchautorin und ehemalige Chefredakteurin des inzwischen eingestellten Fernsehsenders NBC Europe.

In den vergangenen zehn Jahren moderierte sie sich einmal quer durch die deutsche Privatfernseh-Landschaft – von „Big Brother“ bis „Taff“. Inzwischen macht sie die RBB-Sendung „Ein Wochenende mit...“. Vor kurzem war sie häufig Talkshow-Gast: Miriam Pielhau war krebskrank und hat einen Bestseller über den Umgang mit der Krankheit geschrieben. Nach Stationen in Heidelberg, Köln, München und Berlin-Mitte lebt sie jetzt seit fast drei Jahren in Friedrichshain, ist wieder gesund und schreibt an einem Roman. „Als Einstieg für Berlin war Mitte total okay“, sagt sie, während sie durch den Nieselregen weiter in Richtung Boxhagener Platz läuft. „Aber Friedrichshain ist gemütlicher. Hier kann man eher Wurzeln schlagen.“ Das hat sie getan.

„In Mitte gab es Nachbarn, die uns bis zum Schluss nicht gegrüßt haben, hier in Friedrichshain hat man uns gleich eingeladen, bei einer Nachbarschaftsinitiative mitzumachen.“ Und sie und ihr Mann, ein Musiker, ließen sich darauf ein. Die Mitglieder der Initiative organisieren etwa Straßenfeste und gerade haben sie einen Antrag beim Bezirksamt gestellt, aus ihrer Straße eine Tempo-30-Zone zu machen: „Hier wurde ganz schön geheizt. Aber ich neige nicht zum Meckern, sondern zum Machen. Man muss immer gucken, was man selbst dazu betragen kann, die Lebensqualität im Viertel zu verbessern.“ Die Nachbarschaftsinitiative ist also genau das Richtige für Miriam Pielhau. „Aber bei uns ist es jedem frei gestellt, ob und mit wie viel Aufwand er sich engagieren will. In Friedrichshain hat man die optimale Mischung: Zusammenhalt wie in einem Dorf, aber ohne die Nachbarschaftsüberwachung.“

Spricht man sie auf die steigenden Mieten und die Gentrifizierung an, antwortet Miriam Pielhau diplomatisch und pragmatisch. Sie finde es zwar wichtig, dass auch Leute mit einem kleineren Einkommen nicht verdrängt werden, aber das sei andererseits ein idealistischer Wunsch. „Wie sollte die Politik das denn reglementieren.“ Vor allem aber findet sie, dass die Sozialstruktur im Kiez noch in Ordnung ist: „Man muss kein Akademikerpaar sein, um hier angenehm zu leben.“ Das sehe man etwa auf dem Markt am Sonnabend auf dem Boxhagener Platz. Nicht nur hier hat sie „ein besseres Miteinander der Menschen mit und ohne Kinder als in Prenzlauer Berg“ beobachtet.

Und dann sind da ja noch die Gäste: Gegen Touristen zu protestieren, wie es in letzter Zeit immer mehr Berliner getan haben, findet Miriam Pielhau „total asozial“. „Das sind doch diejenigen, die das Geld in die Stadt bringen.“ Sie glaubt nicht, „dass wir wie Montmartre enden – an jeder Ecke Touristenshops und Leute, die hässliche Karikaturen von Touristen zeichnen“. Außerdem tragen die „Touristen aus aller Welt“ zu dem Kribbeln bei, das sie so toll findet an Friedrichshain.

Die größte Veränderung im Stadtteil beobachtet sie aber am Ostkreuz: „Bevor der Umbau anfing, war der Bahnhof das Sinnbild des Abgefuckten.“ Das fand sie so faszinierend, dass sie immer wieder Fotos davon gemacht hat: „Man kann nur hoffen, dass die neue Architektur auch dem Stadtbild entspricht und die Gegend nicht verschandelt.“ Aber eigentlich ist sie optimistisch für Friedrichshains Zukunft: „Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass der Stadtteil so schick wird wie Mitte oder Prenzlauer Berg.“ Daniela Martens

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was Thees Uhlmann an Kreuzberg gefällt, und was ihm Unbehagen bereitet.

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