Wahlforscher zur Berlin-Wahl : Die Teilung der Stadt hat soziale Gründe

Wahlforscher Carsten Koschmieder führt das unterschiedliche Abstimmungsverhalten in Ost und West auf wirtschaftliche Faktoren, aber auch unterschiedlich starke Parteibindungen zurück.

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In den Plattenbaugebieten im Ostteil der Stadt hat die AfD besonders viele Stimmen geholt.
In den Plattenbaugebieten im Ostteil der Stadt hat die AfD besonders viele Stimmen geholt.Foto: Paul Zinken/dpa

Die Teilung der Stadt bei der Stimmabgabe mit der Dominanz der Linken in den östlichen Bezirken würde es auch ohne vorangegangene Trennung durch die Mauer geben. Ausschlaggebend für die Entscheidung der Wähler seien andere Faktoren, sagte der Wahlforscher Carsten Koschmieder am Montag dem Tagesspiegel.

Den Erfolg der Linken führt er vor allem auf die unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklung in Ost und West zurück. Noch hinke der Osten hinterher. Die Linken seien aber auch eine sehr gut organisierte Partei, die durch ihre Präsenz auf der Straße oft einen besseren Wahlkampf mache als andere Parteien. Im Westen sei ihr dies bisher nicht gelungen; daher sei sie dort relativ schwach.

Es seien auch meist keine Alt-Kommunisten, die ihr Kreuze bei den Linken machten, sagte der Wahlforscher. Die Linke sei heute eine andere Partei als früher die SED. Vor allem bei jüngeren Wählern spiele diese Vergangenheit keine Rolle mehr. Eine linke „Hochburg“ sehe er in den östlichen Bezirken nicht, sagte Koschmieder.

Niedrige Mieten und die AfD

Deshalb hat ihn auch der Erfolg der AfD dort nicht überrascht. Die Bindung an etablierte Parteien sei im Osten schwächer als im Westen; der Trend zum Wechsel größer. Dies sei die Folge der DDR, in der die Wähler nur pro forma die Wahl zwischen verschiedenen Parteien gehabt hätten. Die Chance für eine neue Partei sei deshalb im Osten besser als im Westen.

Trotzdem hätten viele Ältere nicht die AfD gewählt. Diese habe ihre Stimmen – wie auch bei anderen Wahlen in Deutschland – vorwiegend unter den Arbeitslosen und den Arbeitern geholt. Und diese wohnten vorwiegend in Gebieten mit geringen Mieten – die es vor allem in den östlichen Bezirken gebe. Auch im Westen sei die AfD unter ähnlichen Bedingungen, etwa in einigen Neuköllner Wahlkreisen, erfolgreich gewesen.

Dass die CDU weiter ihre Stimmen vorwiegend in den westlichen Bezirken holt, begründet Koschmieder damit, dass die Partei von ihrem Profil und Auftreten weiter eine West-Berliner Partei geblieben sei. Daran habe auch ihr Spitzenkandidat Frank Henkel, ein gebürtiger Ost-Berliner, der auch jetzt wieder im Osten wohnt, nichts geändert.

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Die SPD - eine Gesamt-Berliner Partei

Dass der bisherige Sozialsenator Mario Czaja mit haushohem Vorsprung das Direktmandat in Marzahn-Hellersdorf für die CDU geholt hat, könne man mit einem Kandidatenbonus erklären, was aber umgekehrt für Henkel nicht gegolten hat. Zumeist gebe es eine Reihe von Gründen für Einzelerfolge, sagte Koschmieder weiter. Auch die FDP bleibt eine West-Partei, wo sie wohl viele Wähler durch ihre Kampagne für den Weiterbetrieb des Flughafens Tegel mobilisiert hat.

Dass sich die SPD-Wähler fast über die ganze Stadt verteilten, sei wiederum nicht ungewöhnlich. „Das ist eigentlich der Normalfall“, sagte Koschmieder. Der SPD sei es am besten gelungen, zu einer Gesamt-Berliner Partei zu werden.

Dies haben auch die Grünen nicht geschafft. Sie dominieren in der Innenstadt – mit den Ost-West-Mischbezirken Mitte und Kreuzberg-Friedrichshain. Auch dies sei kein besonderes Phänomen, sagte Koschmieder. Grüne und die SPD seien deutschlandweit in Städten erfolgreich, die CDU eher auf dem Land.

Ungewöhnlich sei auch nicht die Teilung eines Landes bei Wahlen. Zuletzt habe Mecklenburg-Vorpommern räumlich getrennt abgestimmt. Die AfD hatte in den östlichen Gebieten gewonnen, wo sich die Bevölkerung besonders benachteiligt fühlt. Und die Trennung wird bleiben, auch in Berlin, davon ist der Wahlforscher überzeugt, „Die soziale Lage ändert sich nicht so schnell“, begründete Koschmieder diese Annahme.

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