Wahlkampf : Die Stimmen von morgen

144.000 Berliner dürfen an diesem Sonntag zum ersten Mal an die Urnen. Wie Berliner Direktkandidaten bei Jugendlichen für ihre Politik werben.

Jan Oberländer,Anna Sauerbrey
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Heiß umworben. Konzerne schätzen junge Menschen als Konsumenten. In den letzten Wochen wurden die Erstwähler auch von Politikern...Foto: dpa

Junge Stimmen waren gefragt in diesem Bundestagswahlkampf – ob bei der Wahl der Bildungsinitiative „U 18“ oder der Juniorwahl. An Schulen war die „Wahlgang“ unterwegs, um bei künftigen Wählern das Interesse für politische Themen zu wecken. Bei den Bundestagswahlen am 27. September gibt es in diesem Jahr deutschlandweit 3,5 Millionen Erstwähler, 144 000 junge Berliner wählen zum ersten Mal im Bund . Wie werben Berliner Direktkandidaten um junge Stimmen? Gibt es sie überhaupt – „die“ Jugend? Welcher Politikertypus kann bei ihr punkten? Szenen aus dem Kampf um die jungen Wähler in Berlin.

DER VÄTERLICHE

Eine Aula, 220 Schüler, fünf Direktkandidaten. „U18“ hat zum „Politikerparcours“ in eine Oberschule in Steglitz-Zehlendorf eingeladen. Mit dabei ist Karl-Georg Wellmann. Der CDU-Politiker sitzt an einem großen Tisch, um ihn herum eine Traube Jugendlicher. Es geht um Bildung. Am Nebentisch sitzt ein anderer Kandidat, da geht es um Wirtschaft. Und am nächsten Tisch um Außenpolitik. Sechs Stationen sind es insgesamt, es geht reihum. Wellmann ist 56 Jahre alt, Vätergeneration. So gibt er sich auch: ruhig, kompetent, ein bisschen mahnend: „Mindestlohn tötet Arbeitsplätze.“ Und Deutschland brauche Ingenieure, sonst kämen die Chinesen zum Zug.

Am Ende öffnen sich die Aula-Türen, draußen gibt es belegte Brötchen und Infostände. Die Jusos verteilen Luftballons, die jungen Grünen bieten (leere) Marihuana-Tütchen an, die Junge Union lockt mit schwarzen Kondomen und Feuerzeugen mit integriertem Flaschenöffner. Man unterhält sich. Wie war Wellmann? „Souverän“, sagt der 18-jährige Zehlendorfer Maximilian. „Er wusste, wovon er redet.“ Aber auch Benedikt Lux, der 27-jährige Grünen-Kandidat, hat Maximilian beeindruckt. Wie gut der sich mit allen Themen auskannte! „Außerdem spricht er unsere Sprache.“ Maximilian sagt, er fände eine schwarz-grüne Koalition echt gut. „Aber die Grünen wollen ja nicht.“ Genau diesen Satz hatte Wellmann nur Minuten zuvor auch gesagt. J.O.

DER REALO

Ortstermin in einer Kreuzberger Berufsschule, Fachrichtung Metallbautechnik. SPD-Kandidat Björn Böhning diskutiert mit einem Sozialkundekurs. Die Jungs – es ist kein Mädchen anwesend – sind um die 20 und gründlich vorbereitet, die Themen reichen von der Tempelhof-Schließung bis zur Energiesparlampe, von Managergehältern bis zur Politikverdrossenheit – viele wissen nicht, ob sie wählen gehen werden: „Man wählt doch ins Leere!“ Böhning, 31 Jahre alt, mit Studentenscheitel, Jeans und Poloshirt, gibt sich idealistisch, aber geerdet. Klar bringe es was, zur Wahl zu gehen. „Alles, was in unserem Programm steht, kriegen wir nur durch, wenn wir eine absolute Mehrheit kriegen.“ Das ist Realpolitik. Böhning spricht vom Atomausstieg, von Mindestlohn, von Arbeitsplätzen in erneuerbaren Energien, in Pflege und Kreativwirtschaft. Er wirkt locker, ohne sich anzubiedern. Die jungen Metallbauer hören ihm zu, fragen nach. Dann klingelt es, und Böhning sagt: „Über ihre Stimme würde ich mich freuen.“ Draußen stehen die Schüler, Böhning raucht eine Zigarette mit. Einer ruft ihm zu: „Das mit dem Wählen überleg ich mir!“ J.O.

DIE TÄTOWIERTE

Vor ein paar Tagen hat sich an derselben Schule schon eine andere versucht, Halina Wawzyniak, Direktkandidatin der Linken in Friedrichshain-Kreuzberg und stellvertretende Parteivorsitzende. Sie ist Jahrgang 1973, mit ihren kurzen, wasserstoffblonden Haaren, in Jeans und Kapuzenjacke wirkt sie jugendlich – trotz Anwaltszulassung. Auf ihrem Plakat ist ein Stück nackter Rücken zu sehen, darauf die abwaschbare Tätowierung: „Socialist“. Vielleicht ist das Plakat ein Grund dafür, warum die sportliche Frau es so schwer hat an diesem Vormittag. Die Luft vibriert von Testosteron, gleich die zweite Frage dreht sich um das Plakat, der Lehrer verdreht die Augen. Auch inhaltlich kriegt Wawzyniak keinen Fuß auf den Boden. „Reichtum für alle“ – das Wahlversprechen der Linken zieht bei den Schlosser-Auszubildenden nicht. Gesetzlicher Mindestlohn? Nicht bezahlbar. Stattdessen Ressentiments gegen Asylsuchende und Roma. Von weltumspannender Solidarität der Armen und vom Kapitalismus Geknechteten wollen die Jungs hier nichts wissen. Sie misstrauen der Politik, egal in welcher Farbe. In ihrem Blog schreibt Wawzyniak später: „Das war ganz schön hartes Brot.“ Die Schlosser zollen der Besucherin dennoch Respekt. Gut durchgehalten habe Wawzyniak, sagt einer. Wählen wird er die Linke trotzdem nicht. Wie die meisten in seiner Gruppe hat er nicht vor, überhaupt an der Wahl teilzunehmen. as

DIE LEHRERIN

Einer der Zehntklässler, die um den grauen Transporter herumstehen, hat ein orangefarbenes Pappschild auf seiner Schirmmütze befestigt. „HSP“ steht darauf. Mieke Senftleben, eine kleine, energische Frau, muss sich erkundigen, wofür das steht. „Horst Schlämmer Partei“, wird sie aufgeklärt. Senftlebens eigene Partei kürzt sich FDP ab. Die 57-Jährige ist eher Autoritätsperson als Kumpel.

Heute besucht die Direktkandidatin aus Reinickendorf eine Schule. In dieser zehnten Klasse darf noch keiner wählen, hier geht es um politische Bildung. Senftleben ist zusammen mit Jörg Kürschner gekommen, dem Vorsitzenden der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Gemeinsam präsentieren sie einen Gefangenentransporter der Stasi. Sie fordern die Jugendlichen auf, in eine der engen, fensterlosen Zellen zu klettern, in denen politische Gefangene auf dem Weg ins Gefängnis stundenlang eingeschlossen blieben.

Wirklich beeindruckt sind die Jugendlichen nicht. Wirklich beeindrucken vom verhaltenen Desinteresse lässt sich auch Mieke Senftleben nicht. Sie war selbst einmal Lehrerin, hat fünf Kinder und vier Enkel. Beharrlich arbeitet sie im Klassenraum zentrale Punkte heraus, die den wiedervereinigten Rechtsstaat Deutschland von der DDR unterscheiden und lässt politische Fragen einfließen. Etwa: Wie viel Geld kann und soll in Erinnerungspolitik investiert werden? Am Ende findet der HSP-Anhänger die Kandidatin „ganz okay“. Was vermutlich ein hohes Maß an Zustimmung bedeutet. as

DER VETERAN

Hans-Christian Ströbele sieht entspannt aus. Das hier ist nicht Wahlkampf, es ist ein Heimspiel. Der Grüne ist an diesem Abend in einem Biergarten in Friedrichshain zu Gast bei der Grünen Jugend. Und er darf etwas über die CDU-Spendenaffäre erzählen, mit der er sich intensiv beschäftigt hat, damals, im Untersuchungsausschuss. Ströbele, 70 Jahre alt, grünes Urgestein und Direktkandidat in Friedrichshain-Kreuzberg, gehört zu den ältesten Berliner Bundestagskandidaten. „Ich werde euch heute Geschichten erzählen“, sagt Ströbele, „die sind so sonderbar, ihr werdet sie kaum glauben.“ Und während er erzählt von Karlheinz Schreiber, von Walther Leisler Kiep, von ominösen Koffern, die den Besitzer wechseln, breitet sich Märchenonkelstimmung aus. Der grüne Veteran pflegt seinen Mythos: Ströbeles Kampf gegen die patriarchalische Kohl-CDU ist eine Jugendgeschichte. Klein gegen Groß, Alternative gegen Establishment. Dafür liebt ihn sein junges Publikum. Auch wenn hier viele zuvor wohl noch nie etwas von Karlheinz Schreiber gehört haben. as

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