Berlin : Wahlkampf: Ein Hauch von USA

Ulrich Zawatka-Gerlach

"Jetzt fehlt nur noch das Konfetti", meint ein Delegierter. So ein ungeduldiger Mensch. Das Konfetti regnet erst am Ende des CDU-Sonderparteitags vom Himmel der Mercedes-Benz-Niederlassung auf die schicken Autos nieder, zwischen denen sich die Parteifunktionäre drängeln. Zu Beginn, um 14 Uhr, gibt es noch keine Glitzerschnüre, kein buntes Papier. Da gibt es nur Steffel. Frank Steffel, der CDU-Spitzenkandidat, der junge Unternehmer, der liebevolle Ehemann. "Haben Sie schon unterschrieben?", fragt der junge Mensch von der Jungen Union am Eingang. Er sucht Mitglieder für den neuen Steffel-Fanclub.

Steffel-Plakate, Steffel-Buttons an rot-weißem Band. Frank Steffel - Der Film. Auf einer Mega-Leinwand können die CDU-Delegierten ihren neuen Star, den sie mit 97 Prozent zum Wowereit-Widersacher kürten, in einem Videoclip bewundern. "Ich will, dass sich die Menschen in Berlin wohl und geborgen fühlen", sagt der ernsthafte, junge Mann in schwarzem Anzug und weinroter Krawatte mit sonorem Bass in die Kamera. Und immer wieder: "Ich will..." Zwischendurch sitzt der junge Held im häuslichen Garten, mit der blonden Ehefrau Katja im Fotoalbum blätternd. Schau da, der ganz junge Frank, noch im Spielhöschen.

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Berlin vor der Wahl Der Wahlwerbe-Film kommt gut an, Steffel kommt sehr gut an, der Parteitag ist zufrieden. Den Delegierten wird zur Einstimmung auf die nächsten Wahlkampf-Wochen ein Werbemittel-Katalog in die Info-Mappe gelegt. Von zentraler Bedeutung dieses Mal: "Das Kreuz als aktivierendes Element", das die Wähler an der richtigen Stelle machen sollen. Mit Eyecatcher-Funktion, hohe Wiedererkennung garantierend. Tiefrot, "mit schwungvollem Strich auf gleichfarbigem Kreiselement".

Der Schwung ist am Sonntag von 14 bis 16 Uhr inbegriffen. In der Licht durchfluteten Halle, unter echten Palmen, marschieren Diepgen und Steffel unter dem Klang des "Hurricans" - intoniert von Philharmonikern und Scorpions (vom Band) - zum Präsidiumstisch. CDU-Generalsekretär Ingo Schmitt erstattet den Dank der Partei an den scheidenden Diepgen. Die Delegierten stehen auf. Diepgen winkt nach zwei, drei Minuten ab, weil der Beifall nicht abflauen will, tippt demonstrativ auf die Uhr. Kämpferisch ist seine Rede. "Ohne soziales Herz kann man keine Großstadt wie Berlin regieren", ruft er vom Rednerpult. "Das ist das Vermächtnis der Union!" Überlebensgroß gibt ihn die Leinwand wieder.

Nur der Ton ist leider nicht synchron, hinkt zwei Zehntelsekunden hinterher, so wie früher bei Satellitenübertragungen aus Übersee. Ein Hauch von Ferne, Unwirklichkeit überzieht deshalb Diepgen, der dem neuen Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit hinterher ruft, ohne seinen Namen zu nennen: "Wenn man auf irgendwelchen Golfplätzen herumspielt und sich dabei überlegt, wie man die Menschen in Berlin weiter drangsalieren kann..." Nun ja, Steffel spielt auch Golf, aber er ist nicht der Drangsalierer, sondern der Neuanfang. "Ein richtiger Berliner mit Herz und Schnauze", sagt Diepgen und erntet tosenden Beifall. Die CDU dürfe "den Anderen" nicht die Stadt überlassen.

Jeder, der zu Wort kommt auf diesem Sonderparteitag, der sagt gern, was er von den Anderen hält. Von den Sozialdemokraten und ihrem neuen politischen Umfeld. "Verrat", schimpft Tagungspräsident Rupert Scholz im Einklang mit CDU-Generalsekretär Schmitt. Die SPD spiele "russisches Roulett" mit der Zukunft Berlins, sagt Parteitags-Gast Jörg Schönbohm, der brandenburgische CDU-Landeschef. "Machtbesessene Intriganten", ruft Steffel in seiner Dankesrede an den Parteitag den Rot-Grünen zu. Einen "Pakt mit den Kommunisten" wirft er der SPD vor. Die Delegierten sind ganz aus dem Häuschen, feiern ihren neuen Spitzenkandidaten, während Diepgen zum Abschied dunkelrote Rosen erhält.

Ein Abschied mit Schmackes. "So leidenschaftlich hätte Diepgen schon mal früher reden sollen", schmunzelt ein Delegierter. "Aber das hat er gut gemacht". Schon am Mittwoch hat Diepgen dem CDU-Landesausschuss kurz und trocken bestätigt, dass er nicht wieder für das Abgeordnetenhaus kandidiert. Trotzdem: Verstecken will sich Diepgen jetzt nicht. Seine Abwesenheit in der Parlamentssitzung am Donnerstag, als Wowereit seine erste Regierungserklärung abgab, war einer Badekur außerhalb Berlins geschuldet. Diepgen bleibt auf der politischen Bühne, aber in zweiter Reihe. Anders als Klaus Landowsky, den kürzlich die Parteifreunde freundlich, aber bestimmt darum baten, öffentliche Auftritte doch endlich zu unterlassen.

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