Berlin : Wahlkampf: "Frauen lassen sich nicht täuschen"

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"Politiker sind so, wie sie sind, und deshalb geben sie auch nur vage Antworten oder verteilen Allgemeinplätze", sagte eine ältere Dame am Montagabend im Foyer des Adlon, nachdem sie knapp zwei Stunden den Ausführungen der fünf Berliner Spitzenkandidaten zugehört hatte. "Meet me in Mitte", eine Gruppe von 80 Frauen aus dem Ost- und Westteil der Stadt, hatte diese Veranstaltung für Frauen organisiert. Das Interesse war so groß, dass über 600 Frauen in den Ballsaal des Hotels kamen.

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Frauen machen in Berlin genau 52,8 Prozent der 2,43 Millionen Wahlberechtigten aus. Deshalb weiß auch jeder Spitzenkandidat, wie wichtig die weiblichen Wählerstimmen sind. Der SPD-Spitzenkandidat Klaus Wowereit setzte im Adlon ganz auf seine Rolle als Regierender Bürgermeister und ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Allerdings machte Wowereit bei einigen Frauen keine gute Figur. "Auf den Fotos gefällt er mir besser als in Natur", sagte eine 40-jährige selbstständige Unternehmerin.

Sein Kontrahent Frank Steffel war "teilweise zu temperamentvoll", wie eine Zuhörerin sagte. Der CDU-Spitzenkandidat wirkte barsch, wenn er das Auditorium bat, seine Ausführungen bitteschön beenden zu können. Steffel habe keine "Gesprächskultur. So spricht man nicht mit Damen", hörte man nach der Veranstaltung von Frauen, die in Grüppchen zusammenstanden. Steffel und der FDP-Spitzenkandidat Günter Rexrodt mussten die meisten Buh-Rufe einstecken. Rexrodt, der "elder statesman", war von sich selbst so überzeugt, dass er sich auch nicht aus der Ruhe bringen ließ, als aus dem Publikum Sätze wie "Alles nur Geschwafel" oder "Antworten Sie mal auf die Fragen" Richtung Podium zu hören waren. Und Gregor Gysi hatte wie üblich die meisten Lacher auf seiner Seite. Bei aller Eloquenz wirkte der PDS-Spitzenkandidat allerdings sehr angespannt.

Sibyll Klotz hörten die Frauen genau zu, Widerworte wurden nicht offen geäußert. Trotzdem schnitt die Spitzenkandidatin der Grünen bei den Frauen nicht gut ab. Das "Schnodderige", so eine Zuhörerin, komme nicht gut an. Außerdem könne sie ihre Kompetenz nicht entsprechend transportieren.

Im Gegensatz zu anderen Veranstaltungen mit den Berliner Spitzenkandidaten ging es am Montagabend im Adlon nicht nur um die von Moderatorin Maybrit Illner angeschnittenen Themen Wirtschaft, Finanzen, Bildung und Kultur. Die Frauen stellten klare, gezielte Fragen - und reagierten schnell auf Bekenntnisse: Wie man denn die Hochschulmedizin angesichts drastischer Kürzungen auf dem hohen Level halten möchte, ob man in der finanziellen Not wirklich daran glaube, die Justiz in puncto sachlicher Ausstattung unterstützen zu können, und dass ein Bekenntnis zur Ganztagsbetreuung nichts bringt, wenn das Personal gekürzt wird, und sowieso kein Geld da ist.

Die Spitzenkandidaten hatten in dieser Runde keinen leichten Stand. "Frauen lassen sich nicht täuschen", sagte eine Zuhörerin. Die Vorstellung der Politiker würde ihr Wahlverhalten nicht beeinflussen. Eines sei an diesem Abend aber klar geworden: "Die Kandidaten sind immer nur so gut wie ihr Team."

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