Berlin : Wahlkampf gefährdet ihre Gesundheit

Die Grünen warnen vor Gift im Quietsche-Entchen – in kontaminierter Umgebung

Stefan Jacobs

Wenn es dem Wohl der Kinder dient, kommen selbst die Grünen mit dem Auto. So geschehen am Freitagmorgen anlässlich der Veranstaltung „Planschen im Planschbecken ohne Risiko“. Zwei Monate vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus sind sie also zum Alexanderplatz gefahren und haben nicht nur einen der üblichen Wahlkampfklapptische entfaltet, sondern auch ein Planschbecken mit mitgebrachtem Wasser befüllt und zwei Wasserbälle, einen roten Fisch, einen orangefarbenen Seehund und einen grinsenden blauen Kraken zum Aufpusten hineingesetzt. Sie sind zu viert, mit der Abgeordneten Claudia Hämmerling an der Spitze, und haben sich Schilder umgehängt: „Kein Planschen im Gift!“ Oder: „Schlapp durch Weichmacher!“ Und: „EU-Chemikalienrichtlinie nicht verwässern!“ So stehen sie auf dem schmalen Streifen zwischen Kaufhof und Baugrube, das Getöse zweier Bagger im Rücken, aber ganz nahe am Verbraucher.

Die Weichmacher und die zinnorganischen Verbindungen im PVC-Getier sind das Problem, sagt Hämmerling. „Die wirken im Tierversuch Krebs erregend, können Hormonstörungen und Hauterkrankungen auslösen.“ Sie wolle Eltern animieren, das Badewasser täglich zu wechseln, neues PVC-Spielzeug ordentlich durchzulüften, nicht mit dem Mund aufzublasen und die verseuchte Luft im Freien herauszulassen. „Die Botschaft heißt nicht, wir verbieten das Baden, sondern: Wenn ihr die Kinder planschen lasst, dann bitte ohne allzu große Schadstoffbelastung.“ Das ist eine komplexe Botschaft, und eine überraschende obendrein, zumal an diesem unwirtlichen Ort. Entsprechend misstrauisch beäugen Passanten von Ferne das grüne Quartett. Der Erste, auf den Hämmerling zugeht, beschleunigt seine Schritte. Der Zweite reagiert verständnisvoll, ist aber Däne und kann den Grünen die Fürsorge folglich bei der Wahl nicht danken. Dann kommen mehrere Mütter mit Kinderwagen vorbei, die die Zettel interessiert bis dankbar entgegennehmen. Ab 2007 seien zinnorganische Verbindungen in Deutschland ohnehin verboten, sagt Hämmerling, so dass man die Leute speziell für die laufende Saison warnen wolle. Und zwar hier und jetzt, „weil wir diese Aktion vor Jahren mal auf dem Breitscheidplatz gemacht haben und jetzt in den Osten wollten“. Für Interessierte liegen auch Infos zu Bankgesellschaft und Verkehrspolitik auf dem Tisch.

Vom Gerüst am Berolinahaus kreischt ein Trennschleifer, der die Bagger locker übertönt. Sekunden später rieselt feiner weißer Niederschlag über Grüne, Pool und Tisch. „Wenn wir das gewusst hätten, wären wir nicht hierher gegangen“, sagt Hämmerling. Der Krake im Planschbecken grinst giftig.

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