Berlin : Wahlkampf in Acryl

Gegen den Einheits-Look: Grünen-Kandidatin Heidi Kosche hat sich von Künstlerin Ziska malen lassen

Lars von Törne

Ein älterer Parteifreund war irritiert, als er das poppige Bild zum ersten Mal sah. Aber ihre Tochter reagierte begeistert, erzählt Heidi Kosche. Vor allem, dass die Mutter sich zwei Tätowierungen auf die Arme verpassen ließ, habe der 32-Jährigen gefallen. Und dabei hasst Heidi Kosche Tätowierungen! Aber hier geht es um mehr als um persönliche Abneigungen: Heidi Kosche will am 17. September als Direktkandidatin ins Abgeordnetenhaus gewählt werden.

Sechs Wochen vor der Wahl ist die Kreuzbergerin in einer Disziplin schon unangefochtene Siegerin: in der Verbindung von Kunst und Politik. Bei Wahlkämpfen in früheren Zeiten, so in den 1940er und 50er Jahren, war es aus technischen Gründen üblich, dass die Parteien mit gemalten und gezeichneten Plakaten warben. Heute hingegen setzen die meisten Kandidaten auf den von der Partei vorgegebenen Einheitslook mit Foto. Heidi Kosche macht es anders. Sie will mit handgemachter Pop-Art punkten – und hat sich von der Künstlerin Ziska in Acryl malen lassen.

Die erste Präsentation im kleinen Rahmen findet statt im Café Atlantic in der Bergmannstraße. Dies ist Heidi Kosches Kiez, seit 30 Jahren, für den will sie ins Parlament. Neben ihr steht das Gemälde, kurz zuvor hat Ziska die letzten Pinselstriche aufgebracht. Hundertfach soll das Bild bald den Kiez schmücken, ergänzt durch den Slogan „Kreuzberg verpflichtet“. Immer wieder gleiten Heidi Kosches Blicke zu dem Gemälde. Darauf trägt sie eine Matrosenmütze, Anspielung auf ihre norddeutsche Herkunft. Die Tätowierungen auf den Oberarmen, eine Erfindung der Künstlerin, zeigen die politischen Ziele der 56-Jährigen. Ein Wassertropfen steht für ihr Engagement gegen die von der großen Koalition vollzogene Teilprivatisierung der Wasserbetriebe, auf dem anderen Arm prangt ein Peace-Zeichen. Eine jugendlich wirkende Powerfrau hat Ziska gemalt – Heidi Kosche hat das Bild erst gesehen, als es fertig war.

Neugierig mustert die Kandidatin, wie die Passanten auf dem Gehweg vor dem Café reagieren. Beide, die Frau und ihr Bildnis, haben eine ähnlich leuchtende Ausstrahlung. Man spürt Energie, Tatendrang, Selbstbewusstsein. „Sie ist eine starke Frau, die die Dinge anpackt und sich einsetzt, und so habe ich sie auch gemalt“, sagt Ziska, die auf einen Kaffee vorbeigekommen ist. Zur Polit-Malerei kam die 32-jährige Künstlerin über ihren alten Bekannten Gerhard Seyfried, mit dem sie mehrere Science- Fiction-Comics geschaffen und zuletzt „Per Anhalter durch die Galaxis“ illustriert hat.

Seyfried hat bei früheren Bundestags- Wahlkämpfen den Grünen-Veteran Hans-Christian Ströbele mit Comic-Porträts unterstützt. Dabei hat Ziska, die als Drehbuch- und Romanautorin ihr Geld verdient, ausgeholfen. Und Heidi Kosche war Ströbeles Wahlkampfmanagerin. So lernten sich die Frauen kennen. Als Kosche beschloss, nach vielen Jahren politischer Basis-Arbeit erstmals selber den Sprung ins Parlament zu versuchen, war Ziska ihre erste Wahl für die Werbung.

Die Kulisse ihres Gemäldes verbindet Heidi Kosches Einsatz für Ökologie und gegen Privatisierungspolitik mit Lokalkolorit: Hinter der Kandidatin rauscht der Wasserfall des Viktoriaparks, Symbol für den Wahlkreis zwischen Gleisdreieck und Südstern. Der grüne Hügel ist für Heidi Kosche so etwas wie eine zweite Heimat: „In diesem Park habe ich meine Tochter großgezogen“, sagt die frühere Lehrerin, die jetzt im Brandenburger Landesinstitut für Schule und Medien arbeitet. Für Kunst hat sie sich schon in Ströbeles Wahlkampf-Team stark gemacht. Nicht nur aus taktischen Gründen, auch im ästhetischen Interesse der Zielgruppe: „Wenn alle Politiker mit Kunst für sich werben würden, wäre das im Straßenbild für die Wähler erträglicher.“

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