Wahlkampf in Berlin : Alles eine Soße?

Sie ist mit den Grünen Fahrrad gefahren und hat mit der CDU-Kandidatin Tee getrunken. Sie hat Parteiprogramme studiert und Experten befragt. Wochenlang machte unsere Autorin sich fit für die Abgeordnetenhauswahl. Am Ende hat sie sich selbst überrascht.

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Der Erfolg der Piratenpartei zeigt, welche politische Dynamik die digitale Revolution, das Internet und die sozialen Netzwerken in sich bergen. Die etablierte Politik tut sich damit extrem schwer.Weitere Bilder anzeigen
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07.09.2011 10:07Der Erfolg der Piratenpartei zeigt, welche politische Dynamik die digitale Revolution, das Internet und die sozialen Netzwerken in...

Die erste Wahl meines Lebens habe ich in einem Bild festgehalten. Es war das Jahr 1983, ich war fünf Jahre alt, und der Bundestag wurde neu gewählt. Meine Mutter nahm mich mit in ein Gebäude, das ich nicht kannte, und verschwand hinter einer Stellwand. Am nächsten Tag sollten wir im Kinderladen malen, was wir am Wochenende erlebt hatten. Die anderen malten Pferde, Bälle und Wiesen, ich malte einen großen, schwarzen Kasten, unter dem rote Schuhe hervorschauten.

Heute, mehr als 20 Jahre später, ist Politik für mich immer noch eine Black Box. Ich bin, wie sagt man so schön, politisch unbedarft. Gerade von Lokalpolitik, die mich als gebürtige Berlinerin interessieren müsste, habe ich lange wenig Ahnung gehabt. Vor kurzem noch hätte ich die Wörter JÜL und ÖBS beim Scrabble niemandem durchgehen lassen, dabei lasse ich Abkürzungen gelten, aber diese waren mir nicht geläufig. Die Berliner Politik erschien mir nie wichtig genug, und wenn ich mich mal über etwas ärgerte, wie den Abriss des Palasts der Republik, erfuhr ich, das sei keine Ländersache, sondern Entscheidung des Bundes – und mein Interesse erlahmte.
Nun könnte ich einfach sagen, dass Politik mich nicht schert. Und am 18. September zu Hause bleiben. Viele Leute werden das tun. Ich habe aber noch nie eine Wahl verpasst. Obwohl ich bislang keine Ahnung hatte, hatte ich immer eine Überzeugung. Oder vielleicht sollte ich sagen: Ich hatte ein Gefühl. Ich meinte zu wissen, wer die Guten und wer die Bösen sind, und wo ich hingehöre, und das war eher links als rechts.

Dass man in der Politik nicht nur nach Gefühl gehen soll, war mir natürlich auch klar. Immer wieder habe ich mir, wenn Wahlen anstanden, vorgenommen, alle Parteiprogramme zu lesen. Genau wie ich mir mit Freunden vornahm, Silvester auf einer Hütte zu feiern, und wir es dann doch nie getan haben. Dieses Mal habe ich Ernst gemacht. Ich war im Wahlkampf unterwegs, habe die SPD in Lichterfelde und die Linke in Pankow besucht, mit der Piratenpartei habe ich gefrühstückt, bei der FDP war ich zum Brunch, mit der CDU habe ich Tee getrunken und mit den Grünen bin ich Fahrrad gefahren. Die Wahlprogramme kenne ich inzwischen so gut, dass ich sie öffentlich rezitieren oder singen könnte – und am Ende des Jahres werde ich hoffentlich sagen, dass es mit der Hütte zu Silvester leider wieder nicht geklappt hat, ich aber eine mündige Bürgerin geworden bin.

Lesen Sie weiter auf Seite zwei, was meine Freundin aus Israel von deutscher Politik hält.

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