Berlin : Wahlkampf in Berlin: Amtsbonus gegen Schlagzeilen

Barbara Junge

Im ruhigen Gespräch mit Parteifreunden gesteht Frank Steffel es schon mal ein - so schwierig hat er sich das nicht vorgestellt. Es ist, so beschreiben es auch Steffels Parteifreunde, wie mit dem Hasen und dem Igel: Frank Steffel kann laufen wie er will, Klaus Wowereit, der Kontrahent um den Posten des Regierenden Bürgermeisters ist irgendwie immer schon da. Überall.

Der Spitzenkandidat der CDU macht gerade eine Erfahrung, die der Union in Berlin die vergangenen Jahre fremd geworden ist. Die Union macht Wahlkampf in der Opposition. Seit zehn Jahren war der Auftritt ohne Bühne nur den Grünen und der PDS vertraut. Und Frank Steffel erfährt, was es heißt, dass der Mitbewerber stets um eine Nasenlänge voraus ist. Dank des Amtsbonus des Regierenden Bürgermeisters.

Und so könnten die Wochen der Profilierung, bis die richtige Wahlkampfzeit losgeht, für die beiden Spitzenkandidaten kaum unterschiedlicher sein. Klaus Wowereit regiert und profiliert sich damit. Frank Steffel inszeniert einen wagemutigen Höhepunkt nach dem anderen, um einen ähnlichen Grad an Aufmerksamkeit zu erreichen.

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Berlin vor der Wahl Klaus Wowereit setzt sich als Regierender Bürgermeister zum ersten Heimspiel von Hertha BSC auf die Tribüne im Olympiastadion - und schon sieht er sich in der Abendschau. Am nächsten Tag trinkt er seinen Sekt auf der Trabrennbahn Mariendorf. Die Kerzen zum 104. Geburtstag von Auguste Dänicke bläst er als Regierender aus, und an der Mauer legt er seinen Kranz nieder. Der Regierende Bürgermeister ist präsent.

Frank Steffel dagegen wird nicht qua Amt geladen und gefeiert. Frank Steffel muss sich selbst inszenieren. Und so lädt er Günter Schabowski, den Ex-SED-Chef Berlins, als Berater - und sorgt für sichere Schlagzeilen. Oder er fährt mit Frau und Pressevertretern nach Bayern in den Urlaub. Um dort auch noch München als schönste Stadt Deutschlands zu preisen. Damit ist auch er präsent, wenn auch ganz anders.

Die PR-Berater der beiden Spitzenkandidaten zeigen sich allen Unterschieden zum Trotz ähnlich zufrieden. Michael Donnermeyer, der Werbechef der SPD, fasst sein Erfolgsrezept knapp zusammen: "Klaus Wowereit regiert." Das reicht Donnermeyer eigentlich schon. Man spüre in der Stadt, sagt er, dass Wowereit das Amt ausfülle. Jener mache eben keine spektakulären Schlagzeilen, sondern gehe seinem Amt nach. "Wir sind schnell in die Rolle geraten, Wahlkampf für den Amtsinhaber zu machen", freut sich Donnermeyer, "das verschafft uns einen gewissen Vorteil".

Was Donnermeyer freut, ist das Problem des Kontrahenten. Klaus Wowereit muss nicht inszenieren, sondern nur seiner Arbeit nachgehen. So wirkt seine Aktivität zur Bankgesellschaft oder zur Fusion von BVG und S-Bahn nicht als Wahlkampf, sondern als verantwortungsvolle Tätigkeit für die Stadt. "Wir müssen nicht viel machen", stichelt Donnermeyer deshalb gegen Frank Steffel, "wir konnten zwar mit der Schlagzeilenproduktion Frank Steffels nicht mithalten, aber da sind wir froh drum".

Axel Wallrabenstein, der PR-Berater von Frank Steffel, lässt sich von der Siegesgewissheit seines SPD-Pendants nicht beeindrucken. Vor sechs Wochen noch hätten parteiintern alle dazu geraten, mit Wolfgang Schäuble als Spitzenkandidaten anzutreten. Das Problem, das unionsintern befürchtet wurde: In so kurzer Zeit den jungen Frank Steffel von einem No-Name zu einem Faktor in der Stadt zu machen. "Und das ist uns doch gut gelungen", feixt Wallrabenstein. Er freut sich auch über schlechte Presse. "Denn im Moment bewerte ich alles unter dem Gesichtspunkt der Bekanntheit." Unter PR-Gesichtspunkten verbucht Wallrabenstein deshalb auch den umstrittenen Gesprächskreis "Innere Einheit" als Erfolg. Er hat Steffel bundesweit in die Medien gebracht.

Das ist es, was der Kandidat nach Überzeugung seiner Werbeprofis braucht. "Klaus Wowereit hat den Amtsbonus und ist mit seinem Outing national bekannt geworden", umschreibt Wallrabenstein die Konkurrenzsituation zum Spitzenkandidaten der SPD. Dieser habe damit einen ganz anderen Einstieg gehabt als Frank Steffel. "Und jetzt ist Frank Steffel auch national bekannt."

Steffels Team hält sich deshalb strikt an den vereinbarten Stufenplan: Erst soll der Kandidat bekannt werden - Fehler werden hingenommen. "Dann kommt die Kompetenz", umschreibt Wallrabenstein. Steffels Kompetenz, die Wirtschaftspolitik, soll dieser erst dann gegen den Kontrahenten Klaus Wowereit ausspielen, wenn er denselben Bekanntheitsgrad erreicht hat. "Natürlich kann man sich die Umfragen besser wünschen", meint Wallrabenstein, doch bislang werden diese in der CDU nicht als das Maß aller Dinge wahrgenommen. "Was sagen schon die Beliebtheitswerte, wenn die Leute Frank Steffel noch gar nicht kennen?" Dass es bei dieser Strategie zu Fehlern kommen kann, gibt auch Wallrabenstein zu. Wie etwa die Sache mit München und der schönsten Stadt Deutschlands. "Aber", sagt der PR-Mann, "wenn München nicht gewesen wäre - wir hätten es erfinden müssen".

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