Wahlkampf in Berlin : Neuköllns Rosenkrieger

An jeder Laterne wirbt Einzelkandidat Yusuf Bayrak: Gegen seine Präsenz sehen CDU und SPD blass aus.

Ralf SchönballD
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Mit Macht. Kaufmann Yusuf Bayrak wirbt mit vielen roten Plastikrosen.Foto: T. Rückeis

3000 Mal prangt sein Antlitz von Postern und Plakaten in Neukölln – Yusuf Bayrak schaut darauf staatsmännisch drein, aber auch etwas herausfordernd. Wer den Columbiadamm nach Neukölln hinunterfährt, könnte meinen, er sei der Spitzenkandidat von SPD oder CDU, so oft hängt sein Konterfei an Pfosten und Laternen. Dabei tritt er „nur“ für sich selbst an, als freier Kandidat. SPD-Mitglieder werfen ihm allenfalls vor, sein Programm kopiere sozialdemokratische Inhalte. Doch wer Yusuf Bayrak begegnet, mag das nicht glauben – einer wie er ist einmalig.

Die Karl-Marx-Straße ist eine gute Adresse für den Kandidaten dieses Bezirks: Der Verkehr tost hier vierspurig, auf den Bürgersteigen eilen die Anwohner an Telefonläden und Ein-Euro-Shops vorbei, drücken schwere verwitterte Holztüren auf und verschwinden in düsteren Höfen von Mietskasernen. Hier lebt auch Yusuf Bayrak. Im zweiten Hof. Aber wer die Tür zu diesem Hof aufdrückt, traut seinen Augen nicht: Ein Eigenheim mit zwei Geschossen und Satteldach steht da auf einem 500 Quadratmeter großen grünen Grundstück, dessen gepflegter Rasen einem Eigenheim in Dahlem gut anstünde. Das ist das Haus von Yusuf Bayrak, Wahlneuköllner, Kleinunternehmer mit Chinakontakten, Moslem – und Bundestagskandidat.

Bayrak sitzt an einem Gartentisch unter einem Sonnenschirm. „I love Neukölln“ steht darauf und „Yusuf Bayrak“. Dutzende davon hat der 46-Jährige in seinem Kiez aufgestellt – „und kein Ladeninhaber lehnt es ab“, sagt er stolz. 3000 Plakate, viele tausend Flyer, Werbefahnen und 10 000 rote Plastikrosen – Bayraks Wahlkampf ist auch eine Materialschlacht. Und mancher fragt sich, woher nimmt dieser Mann das viele Geld? Er lacht. „Andere fragen, wer steckt hinter Bayrak?“, sagt er und antwortet so: „Die Rosen kommen das Stück drei Cent – 300 Euro hat die ganze Lieferung gekostet.“

Das sind Spesen für einen Unternehmer, der Geschäfte in China macht. „Baypa International Co. Limited“ heißt seine Firma. Durch den Firmensitz in Schanghai profitiert sie vom günstigen Wechselkurs. Laut Website ist Baypa das „weltgrößte berühmteste Handelshaus“. Werber übertreiben gerne, Werbegeschenke und Krimskrams ist Baypas Geschäft: Kugelschreiber und Feuerzeuge, Bälle und Regenschirme, Taschenlampen, Taschenmesser – hier kann auch Rudi für seine Resterampe einkaufen.

Yusuf Bayrak ist ein ruhiger Mensch. Das liegt vielleicht aber auch daran, dass unser Gespräch während des Ramadans stattfindet. „Ich bin gläubiger Muslim“, sagt er. Und er sagt auch: „Jedem sein Glaube.“ Der Vater von zwei Kindern – „leider beides Jungs“ – spricht auch vom Wert der Werte. Sie seien das Gegengift zu „Alkohol, Glücksspiel, zur Spaßgesellschaft, die das Denkvermögen vermindert“. Werte wie Gemeinschaft, Solidarität, Mitgefühl sind wohl auch der Kern seiner politischen Botschaft.

Und diese Werte sieht Yusuf Bayrak gefährdet. Deshalb tritt er in die Bütt. „Verwaltung und Politik befördern die Entwicklung einer Parallelgesellschaft“, sagt er. In Neukölln zum Beispiel, wo fast jeder zweite Bewohner ein Migrant sei, aber nur zwei Prozent der Bezirksverordneten nichtdeutschen Ursprungs. Stellt er sich aber nicht selbst ins Abseits mit einer Kandidatur ohne Aussicht – statt den kraftvollen Hebel in einer etablierten Partei zu wählen? Er habe Angebote bekommen, diese aber abgelehnt. „Da haben Migranten keine Chance, hochzukommen“, sagt er.

Alleine dagegen schon, glaubt er: 1,1 Prozent der Stimmen bekam er bei den Wahlen im Jahr 2006, mit drei bis vier Prozent rechnet er in diesem Jahr. Den Durchbruch will er dann bei den Berlin-Wahlen im Jahr 2011 feiern. Sein Plan: Wahlgemeinschaften in allen 12 Bezirken organisieren. Und dann im Bezirk und im Land mitbestimmen. Damit wäre er auch persönlich am Ziel: denn durch die Beteiligung von Migranten „fördert man das Zusammengehörigkeitsgefühl und dadurch die Integration“, sagt er. Ralf Schönball

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