Wahlkampf in Berlin : Politik in Sack und Tüten

Die Parteien wollen ökologisch korrekt um Stimmen werben – und möglichst Müll vermeiden. Doch ganz sauber geht Wahlkampf nicht.

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Papierschlacht. Rund fünf Millionen Euro geben die Berliner Parteien ingesamt für die Werbung zur Abgeordnetenhauswahl aus. Der Trend geht zu recyclingfähigem Material. Foto: Snapshot/Seel
Papierschlacht. Rund fünf Millionen Euro geben die Berliner Parteien ingesamt für die Werbung zur Abgeordnetenhauswahl aus. Der...Foto: snapshot-photography

Der Wahlkampf nimmt Fahrt auf: Mehr als 200 000 Plakate hängen an Laternen und Bäumen. Wahlnippes in Parteifarben gibt es bei Veranstaltungen kostenlos. Genau wie das ausgedruckte Wahlprogramm der SPD. Die CDU versucht, ihre 100-Punkte- Agenda für 50 Cent über Kioske ans Wahlvolk zu bringen. Und nicht zu vergessen: Die durch die Stadt brausenden Wahlkampfautos. Spitzenkandidat der Linken, Harald Wolf, ist gleich in einem Bus unterwegs – auch Klaus Wowereit hat sein Wahlmobil. Um die Gunst der Wähler zu erlangen, geben die Berliner Parteien zusammen fast fünf Millionen Euro aus. Es wird vom teuersten Wahlkampf aller Zeiten gesprochen. Doch: Wie umweltfreundlich ist er eigentlich?

Die SPD habe sich bereits vor fünf Jahren mit dem Thema Ökobilanz im Wahlkampf beschäftigt, sagt deren umweltpolitischer Sprecher Daniel Buchholz. Bei Plakaten setze man auf die sogenannte Plastikhohlkammer-Version: „Wir haben uns gegen die klassische Kleister-Variante mit Holz-Hartfaserplatte entschieden, weil die Plastikvariante eingesammelt und recycelt werden kann und man so auf die gleiche Rechnung kommt“, erklärt Buchholz. Nur, dass die Plastikversion leichter und schwerer zerstörbar sei. Heißt: Weniger Materialverbrauch und damit Kosten sparen. Ein Grund, warum auch die CDU auf die wiederverwertbare Plastikvariante setzt, die laut umweltpolitischem Sprecher Carsten Wilke alle Kreisverbände verwenden. „Ich selbst verzichte in meinem Wahlkreis Marzahn-Hellersdorf komplett auf Wahlkampfplakate, doch weniger aus ökologischen als aus werbestrategischen Gründen.“

Der Berliner Wahlkampf in Bildern
Der Erfolg der Piratenpartei zeigt, welche politische Dynamik die digitale Revolution, das Internet und die sozialen Netzwerken in sich bergen. Die etablierte Politik tut sich damit extrem schwer.Weitere Bilder anzeigen
1 von 32Foto: dapd
07.09.2011 10:07Der Erfolg der Piratenpartei zeigt, welche politische Dynamik die digitale Revolution, das Internet und die sozialen Netzwerken in...

Kugelschreiber, Schlüsselanhänger und Luftballons: Werbeträger im Wahlkampf sind wichtig – Plastikschrott hin oder her. Deshalb wälzen Parteien spezielle Merchandising-Kataloge und bestellen dort Streuartikel. Die SPD ist Kunde des Internetshops „Imageshop.de“. Dort würde einmal quer durch den Garten bestellt, was gefällt – weil die Artikel in großer und günstiger Menge erworben werden könnten, sagt Buchholz. Stichwort Erwartungshaltung der Wähler: „Ich sage immer, Deutschland ist ein Kugeschreibermangelgebiet. Am Infostand wird man immer nach ihnen gefragt.“ Auch Luftballons seien unverzichtbar – für die Kinder, wenn auch ökologisch vielleicht nicht sonderlich sinnvoll. „Natürlich könnte man im Wahlkampf höhere Ansprüche stellen als im restlichen Leben. Aber fest steht: Wir verteilen keine Sachen, die die Menschen nicht haben wollen“, sagt der SPD-Politiker.

Doch Werbung auf Plakaten, Schreibern und Ballons allein genügt nicht. Schließlich geht es auch um politische Inhalte. Wahlprogramme müssen ansprechend gestaltet sein. Und die Papierwahl ist eine ökologische, aber vor allem eine Kostenfrage, der sich allem voran die Linke und die FDP stellen müssen. „Es mag vielleicht der teuerste Wahlkampf in Berlin sein. Aber wir haben dieses Mal weniger Geld zur Verfügung“, sagt der linke Landesparteisprecher Thomas Barthel. Sich dabei um die ökologische Wahl der Plakate Gedanken zu machen, sei die eine Sache gewesen, beim Papier hätten sie sparen müssen. Auch die FDP habe aus Kostengründen nicht immer auf ökologische Aspekte achten können, gibt der umweltpolitische Sprecher der Liberalen, Henner Schmidt, zu.

Doch wenn schon nicht umweltbewusst beim Papiergebrauch, dann wenigstens im Verbrauch. „Wir versuchen deshalb, viel unserer Korrespondenz per elektronischer Post zu erledigen“, sagt Barthel von der Linken. Das sei kostengünstig und gleichzeitig umweltschonend. Die FDP setzt stattdessen auf ökologische Verkehrslogistik. „So klappern wir die Wahlkampfstände nicht mit dem Auto, sondern mit dem Fahrrad ab“, sagt Schmidt. Buchholz von der SPD setzt auf den Transport mit der BVG. „Mein Material habe ich im Stoffbeutel dabei.“

„Plastiktüten, Nein Danke!“: So lautete auch das Motto der Aktion, bei der sich die Grünen-Kandidaten Turgut Altug, Anja Kofbinger und Daniel Wesener vergangene Woche im ökologisch korrekten Wahl-Merchandising versuchten – und Jutebeutel verteilten. Zusammen mit dem Bundesvorsitzenden Cem Özdemir standen sie auf dem türkischen Markt am Maybachufer, um mit den Taschenlogos „Geiler Sack oder Plastic is a Killer“ für umweltbewusstes Einkaufen zu sensibilisieren. „Die Stofftaschen werden Kultstatus bekommen“, sagte Turgut. Täglich würden in Berliner Geschäften, aber auch auf Wochenmärkten tausende Plastiktüten verteilt und landeten anschließend im Müll. Nachhaltig soll auch um Wählerstimmen geworben werden: Darum verwende man wieder Papp-Plakate, sagt Turgut. Ob das den Wahlkampf ökologisch wertvoller macht? Fest steht, dass auch die Grünen-Plakate nach der Wahl in der Tonne landen.

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